Wie alt muss man werden und wie oft sich gefährden, um erst zu erkennen, wer man ist?“ sang Holger Biege in seinem Song „Das eigene Gesicht“. Da war er Anfang dreißig und gerade von Ost nach West gezogen.

Schon früh hatte der Sänger und Komponist ganz eigene Konturen gezeigt. Seine Amiga-Alben „Wenn der Abend kommt“ und „Circulus“ begeisterten Ende der 70er-Jahre sowohl die Fans als auch die Kritiker. Balladen wie „Sagte mal ein Dichter“ oder „Reichtum der Welt“ erreichten, auch dank der Texte von Fred Gertz, eine Tiefe, die selten ist im Pop. Neben solche Songs stellte Holger Biege expressive Klavierstücke, deren musikalischen Gehalt er bei seinen Konzerten gern betonte.

Schon früh hatte der 1952 in Greifswald geborene, in Berlin aufgewachsene Holger Biege Interesse für Naturwissenschaften gezeigt, begeisterte er sich für Astronomie und Chemie. Doch dann erkundete er die Musik, begann als Sänger und merkte schnell, dass ihn Bands einengten. Fortan war er solo am Flügel zu erleben – und seine eigenwillige soulige Stimme trug zu seinem besonderen Status bei.

Dabei buhlte Holger Biege nie um die Gunst seines Publikums. Sowenig wie er sich musikalisch eingrenzen wollte, ließ er sich von der DDR-Kulturpolitik bevormunden. Nachdem er wegen kritischer Texte Schwierigkeiten bekam, Auftritte behindert und verhindert wurden, blieb er 1983 nach einem Gastspiel im Westen und holte seine Familie nach. Auch hier bekam er schnell einen Plattenvertrag, nahm ein respektables Album auf, erlangte aber nie wieder jene Aufmerksamkeit wie in der DDR.

"Will mein Leben leben bis zum Grund"

Nach der Grenzöffnung trat er bald wieder im Osten auf, hielt sich aber vom Ostrock fern und blieb ein Außenseiter. Er selbst zählte nicht seine populären Stücke, sondern das 1997 erschienene Album „Zugvögel“ zu seinem künstlerisch wichtigsten Werk – weil es am weitesten von den Hörgewohnheiten entfernt war, wie er einmal sagte. Es sollte sein letztes Studioalbum bleiben.
2012 musste Holger Biege die Tour zu seinem 60. Geburtstag absagen, nachdem er einen schweren Schlaganfall erlitten hatte und fortan gelähmt im Rollstuhl saß. Selbst seine Stimme verlor er.

Am Mittwoch ist Holger Biege im Alter von 65 Jahren gestorben. Freunde wie der Sänger Thomas Putensen organisierten schon seit Jahren Holger-Biege-Abende – sie sollen jetzt erst recht fortgesetzt werden. Schon auf dem Debütalbum sang Holger Biege eine Strophe, die wie sei Lebensmotto klingt: „Will alles wagen, will mich erkennen, will mein Leben leben bis zum Grund, will in die Höhen, will in die Tiefen, will, das mir da kein Geheimnis bleibt.“