Für die, die das Buch vielleicht Ende der 70er-Jahre und vielleicht als Kinder gelesen haben – in jeder Hinsicht im richtigen Moment –, dürfte sich das Leben seither in die Zeit teilen, bevor sie „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ kannten, und in die Zeit danach. Das ist keine Übertreibung. Viel hatten diese Kinder da vermutlich schon über die Bombennächte gehört, aber von der Emigration wussten sie so gut wie nichts.

„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr machte die Vertreibung der Juden begreiflich

Komischer Titel. Heute ist er so im Gedächtnis verankert, dass seine Genialität nicht mehr auffällt. Alles ist schief, unpassend und lückenhaft, wie im Leben der kleinen Anna. Denn es geht nicht um Hitler – Hitler, so die Autorin später, habe sich in den Titel gedrängt wie in das Leben ihrer Familie –, das Wort Diebstahl ist in diesem Zusammenhang zumindest eigenwillig, und das rosa Kaninchen kommt nur ganz am Anfang vor. Anna lässt es in Berlin zurück, als sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zum Vater nach Zürich reist. Anna ist zehn und ihr ist nicht klar, dass sie nicht zurückkommen wird. Sie nimmt ein neues Spielzeug mit und lässt den alten, blinden Plüschhasen daheim, also an dem Ort, der ihr Zuhause gewesen ist. Wenn es eine Fehlentscheidung gibt, die sich ein Kind in einer friedlichen Welt lebhaft vorstellen kann, dann ist es diese.

Dass es eine sympathische, völlig normale Familie war, an der einem vieles bekannt vorkam, machte ihre Vertreibung umso unbegreiflicher. Dass der manchmal etwas ferne Vater der Schriftsteller und Theaterkritiker Alfred Kerr war: Das ergab sich erst später und bescherte die zweite Begegnung mit den Büchern: Auf „Als Hitler das rosa Kaninchen“ stahl“, 1971 auf Englisch, 1973 in deutscher Übersetzung erschienen, folgten „Warten bis der Frieden kommt“ (1975) und schließlich „Eine Art Familientreffen“ (1979). Anna und ihr Bruder wurden älter und überholten dabei die erste Lesergeneration. Unvergessen, dass man spürte, wie kompliziert das Leben noch werden würde. Denn die Anna in „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ ist trotz allem ein behütetes und frohgemutes Kind.

Judith Kerr sprach selbst oft über ihr Leben als Flüchtling

Auch Judith Kerr hat gerne davon gesprochen, dass sie Glück gehabt habe. Die jüdische Familie, durch die exponierte linksliberale Haltung des Vaters zusätzlich und besonders unmittelbar bedroht, ging 1933 in die Schweiz und über Frankreich 1935 nach Großbritannien. Im Buch für Anna und im Leben für Judith Kerr erscheint die Erfahrung, plötzlich in einer fremden Sprache zurechtkommen zu müssen, eher wie ein großes Abenteuer. Im Buch heißt es: „Es ist herrlich, Flüchtling zu sein.“ Man kann stutzen, man kann sogar zurückschrecken, daraus erwächst aber auch eine große Hoffnung und eine enorme Verantwortung für die Länder, in denen Kinder einen neuen Halt suchen.

In Paris, erzählte Kerr im Gespräch mit der Berliner Zeitung 2016, habe eine Lehrerin mit ihr ein wenig Deutsch zu sprechen versucht. Das sei nett gemeint, ihr aber unangenehm gewesen. „Ich wollte nicht anders sein. Das ist bei allen Kindern so. Die Eltern gehören vielleicht nie in das neue Land, aber die Kinder immer.“

„The Tiger Who Came to Tea“ machte Judith Kerr zur bekannten Autorin

Anna, nein, Judith und ihr Bruder blieben anders als die Eltern nach Kriegsende in London. Alfred Kerr, der 1948 starb, schrieb der Tochter in einem letzten Brief: „Du musst glücklich werden. Tu es.“ Das wird oft zitiert, Judith Kerr gab sich redlich Mühe. Sie arbeitete zunächst für das Rote Kreuz, nach dem Krieg studierte sie an der Londoner Schule für Kunst und Kunsthandwerk, war als Lehrerin und Textildesignerin tätig und ging als Redakteurin zur BBC, wo sie ihren späteren Mann Nigel Kneale kennenlernte. Dass sie als Mutter ihren Job aufgab, führte zu ihrer Laufbahn als Kinderbuchautorin und vor allem -zeichnerin. „Das ‚Rosa Kaninchen‘ habe ich nur geschrieben, weil mir die Geschichte eben passiert ist.“ Gedacht war es als Bericht für ihre Kinder.

In Großbritannien war sie da schon eine bekannte Autorin, ihr (in Deutschland erst mit Verspätung erschienenes) Debüt „The Tiger Who Came to Tea“ sorgte 1968 dafür. Der Tiger, der seinen Gastgebern alles wegisst und wegtrinkt, wird dennoch äußerst zuvorkommend behandelt. Man kann das durchaus als charakteristisch für Kerrs positiven Blick auf die Dinge verstehen. Ein großer Erfolg war auch die „Mog“-Reihe um einen gewissen Kater, über den es insgesamt 17 Bände gibt.

Judith Kerr arbeitete immer weiter an ihren Büchern

Immer wieder kam Judith Kerr auch nach Deutschland, gab vor Schulklassen geduldig Auskunft. Entsetzt äußerte sie sich über den Brexit und über Trump („Ich kann nicht glauben, dass das so kommt“, sagte sie, bevor es dann so kam), immer auch eine aufmerksame Zeitgenossin.

Nach ihrem Traum gefragt, erklärte Judith Kerr vor zwei Jahren im Zeit-Magazin: „Ich bin bereit zu sterben, natürlich. Trotzdem, mein Traum wäre es, 95 Jahre alt zu werden und das Bilderbuch, an dem ich gerade arbeite, zu Ende zu schreiben. Ich könnte jetzt sagen, ich will 96 werden, aber ich will nicht gierig sein. 95 wäre genug.“ Vor einem Jahr ist auf Deutsch der hinreißend gestaltete Erwachsenen-Band „Geschöpfe. Mein Leben und Werk“ herausgekommen, im Herbst folgte auf Englisch „Mummy Time“, postum ist nun die Veröffentlichung von „The Curse of the School Rabbit“ (Der Fluch des Schulhasen!!) für Juni angekündigt.

Für eine Autorin, die einfach weiter arbeitet, gibt es immer nur das nächste, nie im engeren Sinne das letzte Buch. Drei Wochen vor ihrem 96. Geburtstag ist Judith Kerr am Mittwoch nach kurzer Krankheit in London gestorben.