Krass ironisch, oft geradezu boshaft, mit ruppigen, zugleich virtuosen Pinselzügen malte Maria Lassnig sich im Grunde genommen, immer selbst. Nichts auf den großen, stellenweise von Farbe gänzlich unberührten Leinwänden ist mehr ganz oder hängt mit dem anderen zusammen. Körperteile baumeln im Nichts, hilflos oder wie manipuliert von einer garstigen Macht, über imaginären Abgründen.

Dieser – malerischen – Desillusion entsprang auch die Palette der außergewöhnlichen Österreicherin: Rosa, Hellblau, Grasgrün, Orange, Gelb und Violett. Das waren ihre „Körpergefühlsfarben“: Fleischfarben, Schmerzfarben, Streck-und Pressfarben, Farben für Totentanz und Lebenstanz, für Leidenschaft, für den Kampf der Geschlechter.

Nun hat Lassnig, die große alte Dame der Wienerischen Malerei, die das 20. Jahrhundert durchschritt und den berüchtigten „Schmäh“ auf ihren Bildern weidlich auslebte, aufgehört zu malen. Zuletzt so zart und gebrechlich wie ein Hälmchen, aber noch bis letztes Jahr zäh am Malen, starb sie am 5.Mai, im gesegneten Alter von 94 Jahren in Wien.

Was bleibt, ist ein Werk, das sie „Meine bösen Bilder“ nannte. Die waren im letzten Jahrzehnt gefragt wie Diamanten, gezeigt auf Documenta-Weltschauen, auf der Biennale Venedig 2013 gab es gar den Goldenen Löwen. Und man feierte die Lassnig mit einer Retrospektive in den Hamburger Deichtorhallen 2013 wie auch beim letztjährigen Berliner Gallery Weekend in der Galerie Capitain Petzel. Sie war für Österreich, ja die Malerszene in Europa nach 2000, das, was im Greisenalter auch schon die feministische Bildhauerin Louise Bourgeois den Amerikanern und der Weltkunst gewesen ist: Körper zu zeigen, nicht im Sinne von edler, tadelloser Schönheit, sondern als „physisches Ereignis einer Körperempfindung“, das war auch Lassnigs erklärtes Ziel.

Einem Gefühl Form zu geben – das sei, „wie eine Wolke abzustecken“, beschrieb sie ihre hartnäckigen Mal-Experimente mit der Unmöglichkeit, etwa aus Mann und Frau eine harmonische Einheit zu bilden. Es war – und da war die Lassnig dem großen britischen Menschenmaler Francis Bacon nahe – das Existenzielle. Das rückhaltlos und schockierend Malträtierende und in Konventionen Eingesperrte, eine das Seelische darstellende Kunst.

Das Mal-Ergebnis freilich entzückte nicht unbedingt die Schöngeister, die Liebhaber des Lukullischen: Es sind abgeschnürte, zurechtgestauchte, einander suchende und unter gespenstischer Beobachtung stehende Herzwesen. Alles geriet real und surreal zugleich und war nicht etwa Provokation. Es meinte den Tod, da war Lassnig ganz bei den Altvorderen: Klimt, Kokoschka, Schiele. Nur gab es bei ihr kein Pathos, stattdessen obsiegte grimmig-sarkastische Lust.

Lassnig, 1919 in Kärnten geboren, hatte eine Klosterschule besucht und, mitten im Krieg, an der Wiener Kunstakademie studiert. Doch was sie malte, galt als „entartet“. Nach dem Krieg ging sie nach Paris, traf auf die Surrealisten. In den USA verachtete man ihren Stil als „morbid“. Ein DAAD-Stipendium brachte sie 1978 nach Berlin. Danach zog sie wieder nach Wien. Endlich erlebte sie Akzeptanz, bekam eine Akademie-Professur. Und, wie kurios: Als Greisin traf ihre Malerei so sehr den Zeitgeist, dass man sie zuletzt wie einen Popstar feierte.