Er war der Thomas Bernhard des Punk, allerdings durch den Dada-Filter gesehen. Über Jahrzehnte schienen The Fall, 1976 in Prestwich im Norden von Manchester gegründet, dem laut eigenem Selbstverständnis kurzlebigen Punk zu Ewigkeit zu verhelfen.

Denn es waren Mark E. Smith und seine Band, die mit bewundernswerter Beharrlichkeit die Spielarten ihrer so melodie- wie kompromisslosen Wiederholungskrachrockmusik samt Smiths übellaunigem Gebell auf Dutzenden von Alben auf den Markt brachten. Jedes Mal anders und immer gleich, so fasste es die BBC-DJ-Legende John Peel zusammen.

„Wenn deine Großmutter an den Bongos spielt und ich daneben bin, ist es The Fall“

Über die Jahre wurde Smith von der Underground-Kultfigur zur nationalen Institution, ohne je irgendwelche Konzessionen zu machen. Er sang die Worte „Ja, ja, Gewerbegebiet“ und es war genial. Er schaffte es, in der BBC die Premier-League-Tabelle vorzulesen und dies als Punk-Performancekunst erscheinen zu lassen – oder wie The Fall. Denn wie er selbst einst sagte: „Wenn deine Großmutter an den Bongos spielt und ich daneben bin, ist es The Fall“.

Er hatte einen großen Verschleiß an Fall-Musikern: Manche gingen aus freien Stücken, andere wurden auf der Raststätte einfach stehengelassen. Einige, wie der Bassist Steve Hanley, hielten es viele Jahre aus, andere, wie der erste Schlagzeuger, nur für einen Auftritt.

Modische Outfits statt Working-Class-Alltagslook

Mark E. Smith war zeitweise Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei, was ihn nicht davon abhielt, konservative Ansichten mit Radikalprogressivem zu vermischen und eben auch The Fall alsbald von einer Band zur erratischen Smith-Tyrannei umzuwandeln. Zunächst war The Fall das Projekt von Smith, seiner Freundin Una Baines sowie den Freunden Martin Bramah und Tony Friel. Wie viele waren sie inspiriert vom Einfach-Selber-Machen-Ethos des Punk, und sie destillierten ihre Liebe zur Musik von Can und The Velvet Underground sowie Büchern von Camus, Chandler und H.P. Lovecraft zu ihrem eigenen Sound.

Smith hat seine Lebenspartnerinnen oft in die Band integriert, so etwa die Amerikanerin Brix Smith, unter deren Einfluss The Fall im Verlauf der 80er-Jahre ihren Working-Class-Alltagslook zugunsten modischerer Outfits ablegten und mit Alben wie „Perverted by Language“ oder „The Frenz Experiment“ etwas näher an das Konzept eines kommerziellen Sounds kamen, nachdem bereits Stücke wie „Totally Wired“ an der Spitze der britischen Indie-Charts gelandet waren.

Alltagshorror-Halluzinationen und Exzess

1988 arbeitete The Fall mit dem Tänzer Michael Clark zusammen und erreichte ein bürgerliches Kulturpublikum. Zwar tat Smith dies als Scherz ab, doch hatten die komplexen Wortspiele, scharfen Beobachtungsfragmente sowie eine Vorliebe für ungewöhnliche Klangwelten viel größere Affinität mit der von ihm besonders verachteten Kunstwelt, als ihm lieb war.

In jedem Fall bellte er weiter Alltagshorror-Halluzinationen ins Mikro, trank stets Unmengen, nahm Speed, fand neue Musiker und geriet mit ihnen im Studio und auf der Bühne aneinander. 1998 wurde er nach einem desaströsen Konzert in New York wegen Handgreiflichkeiten mit der Keyboarderin Julia Nagle festgenommen.

„Fantastic Life“

In den Nullerjahren kollaborierte er mit den Düsseldorfer Elektronik-Musikern Mouse on Mars. In Berlin sah man Smith mit The Fall zuletzt im Herbst 2016 auf der Bühne des SO36; wie stets in späteren Jahren einem zahnlosen Hausmeister aus der Hölle gleichend, bellte er unverständlich und drehte an den Verstärkern seiner verängstigen Musiker herum, die auf seine Weisung schönsten Avantgarde-Krachrockabilly spielten.

Am Mittwoch ist Mark E. Smith im Alter von 60 Jahren gestorben. Wenn Sie dieses einzigartige Künstlerleben feiern möchten, hören Sie sich heute die Fall-B-Seite „Fantastic Life“ aus dem Jahr 1981 an: Wie er diese zwei Worte deklamiert, voller Freude an der Verachtung der Freude, sagt alles.