Gesamtperspektivisch betrachtet stellt der Tod keine Überraschung dar. Aber es gibt doch Leute, die eigenartig unverwundbar scheinen. So ein Mensch war die Motörhead-Legende Lemmy Kilmister, den es nun leider doch erwischt hat. In den letzten beiden Jahren musste die Band gelegentlich Konzerte abbrechen oder absagen. Und in Interviews sah Kilmister ausgemergelt und angestrengt aus, so zum Beispiel, als er im ZDF barsch die Attentäter von Paris beschimpfte – er war zum Tourbeginn in der Stadt, aber die Behörden untersagten den Auftritt. Vor gut zwei Wochen, am 11. Dezember, stand er auch noch einmal in Berlin auf der Bühne, gewohnt derb und laut, gewohnt ausverkauft. Am Montag erlag der Sänger und Bassist kurz nach seinem 70. Geburtstag einem Krebsleiden.

Wenigstens passt die Art seines Todes zu seinem Leben – er starb nur zwei Tage nach der Diagnose. Rasanz und Umstandslosigkeit prägten neben Lautstärke seine Persönlichkeit und sein ästhetisches Programm. Seiner Lieblingsdroge Speed, so erklärte er in einem Interview, verfiel er aus Nützlichkeitserwägungen, weil sie ihn beim Tourbusfahren wachhielt. Und mit Motörhead – in der klassischen Spät-1970er-Besetzung mit dem Gitarristen „Fast“ Eddie Clarke und Drummer Phil „Philthy Animal“ Taylor – hat er den Speedmetal wenn nicht erfunden, dann mindestens kräftig angeschubst.

Der Tod passt zum Leben

Dass Kilmister einen beinahe mythischen Status weit über die Heavy-Grenzen hinaus genoss, lag natürlich nicht zuletzt am Lebensstil, genauer: daran, dass er ihn in seinem Alter noch vorführen konnte. Außer dem nunmehr einsamen Keith Richards gab es keinen Rockstar von Format, der noch im Rentenalter so unerschüttert grinsend die antiken Rock’n’Roll-Werte der Selbstverschwendung durch Drogen und Sex feierte und affirmierte. Man konnte leicht vergessen, dass Lemmy Kilmister zwar wie ein rauer Rüpel wirkte, der Nazi-Paraphernalien sammelte. Aber politisch war er eher wach und menschlich hoch moralisch: „Man unterscheidet zwischen richtig und falsch, indem man sich überlegt, ob man jemanden verletzt.“

Aber in zahllosen Interviews und auch seiner 2002 erschienen Biografie „White Line Fever“ erfährt man von beinahe grotesken Mengen LSD und Amphetaminen und einem derart schweren Alkoholismus, dass die stattliche Zahl der Veröffentlichungen (23 Studio-Alben) und Auftritte tatsächlich wie ein Wunder scheinen. In einer berühmten Anekdote berichtet Kilmister von einer Bluttransfusion, zu der ihm der Arzt erklärt, dass sein Blut zu vergiftet für eine saubere Konserve sei. Noch vor ein paar Jahren scherzte er nicht, als er erklärte, seinem Diabetes zuliebe von Whisky-Cola auf Wodka-Orange umgestiegen zu sein. Nicht weniger exzessiv gestaltete er offenbar sein Sexleben, wobei er anders als übliche Rockstars stets mit Respekt von Frauen sprach. Tatsächlich war, so erzählt er, seine große Liebe mit 19 an einer Überdosis Heroin gestorben – der einzigen Droge, die er verachtete, für deren Legalisierung er sich aber gleichwohl aussprach.

Ian Fraser Kilmister wurde am Weihnachtsabend 1945 als Sohn eines ehemaligen Royal-Airforce-Pfarrers geboren, der ihn und die Mutter jedoch nach drei Monaten verließ. „Ein fieses, kleines Wiesel“, nannte Kilmister den Vater, als er ihn irgendwann kennenlernte. Lemmy wächst in den englischen West Midlands auf, bevor er mit der Mutter und dem Stiefvater, einem Fußball-Profi, nach Wales zieht, wo er als einziger Engländer an der Schule offenbar keine erfreuliche Jugend verlebt.

Aber er spielt Gitarre in Bands, sieht früh die Beatles und landet 1965 in Blackpool bei den The Rocking Vickers, die einen Plattenvertrag hatten und durch Europa tourten. Von dort zieht er nach London, wo er als Roadie für Jimi Hendrix und The Nice arbeitet, halluzinogene Drogen entdeckt und in kurzlebigen Rockbands spielt. Als er 1972 bei Hawkwind landet, übernimmt er dort den Bass – den er wie eine Rhythmusgitarre spielt. Mit bösem, gurgelndem Grollen singt er auch bei „Silver Machine“, dem größten Hit der Space-Psychedeliker, die ihn feuerten, als er 1975 an der kanadischen Grenze mit Amphetamin erwischt wurde. In „White Line Fever“ erzählt er unterhaltsam von der mitunter ungelenken Art, mit der Hawkwind die Pyrotechnik handhabten – wodurch sich etwa der Gitarrist in Flammen setzte.

Knappe Eile und Druck

Unter dem Namen eines Songs, den er für Hawkwind geschrieben hatte, gründete Kilmister daraufhin mit Motörhead seine erste eigene Band. Das Trio lebte von Beginn an von einer sagenhaft harten Mischung aus der knappen Eile der Punks, die sie dafür mochten, und dem Metal-Druck, den sie mit ihren langhaarigen Biker-Outfits auch optisch versprachen. Dabei beharrte Kilmister stets und gegen jede Fan-Behauptung darauf, eine klassische Rock’n’Roll-Band zu sein, was er auch mit seiner feinen Coverband The Head Cat bewies – übrigens mit den Beatles als größtem Einfluss: „Die waren harte Typen“, befand er, „keine Vorstadt-Kids wie die Stones.“

Eine nennenswerte Entwicklung fand, bei diversen Umbesetzungen und einem Jahrzehnt als Quartett, in der „besten schlechtesten Band der Welt“, so der britische New Musical Express 1976, natürlich nicht statt. Aber es gelang Kilmister mit Songs wie „Ace of Spades“ und „Eat the Rich“, auch gleich Metal-Hymnen für die ganze Familie zu schaffen.

Lemmy Kilmister mit fast 70 – das war das Gesicht der Rock-Tradition. Ein Gesicht, das mit seinem kinnwärtigen Backenbart, dem Schmierhaar, den Falten und den Charakterwarzen ebenso markant stand wie das Soundmonument. „Bis 102 leben, das wäre doch entsetzlich langweilig“, sagte er dem britischen Independent vor fünf Jahren. „Ich hatte einen Riesenspaß mit Rock’n’Roll, und der auch mit mir. Das reicht mir.“