An dieser Stelle darf man vielleicht doch einmal sagen, dass ein Zeitalter zu Ende geht. Ornette Coleman war der letzte noch lebende Anführer des großen Aufbruchs im Jazz der Sechzigerjahre, ein Lehrer und ein Prophet der Revolte und der Wut und der Zärtlichkeit, er hat einer ganzen Generation und bis auf den heutigen Tag noch so vielen jüngeren und jungen Menschen gezeigt, wozu Musik fähig sein kann, wenn sie sich aus Liebe speist und aus dem Wunsch nach einer Welt ohne Zwang.

Geboren wurde er 1930 im texanischen Fort Worth, sein Vater starb, als er sieben Jahre alt war, seine Kindheit verbrachte er in bitterer Armut. Als Heranwachsender brachte er sich das Saxofonspielen selber bei, auf einem weißen Plastikinstrument, weil er sich, wie er später sagte, eines aus Messing nicht leisten konnte. Als er dann Ende der Fünfzigerjahre in Los Angeles mit Gleichgesinnten wie Don Cherry und Charlie Haden die ersten größeren Konzerte gab, wurde das „Kindersaxofon“ mit seinem charismatisch dünnen, leicht quäkenden Klang zu seinem Markenzeichen und blieb es bis auf den heutigen Tag, ebenso wie die „falschen“, keinem gängigen harmonischen Schema folgenden Töne, der tastende, spielende, freie Umgang mit seinem Instrument.

Freier Jazz: „Free Jazz“ hieß denn auch das Album, mit dem Coleman 1960 bekannt wurde; es lieh im folgenden Jahrzehnt einer ganzen Bewegung den Namen. Doch anders als es im Free Jazz dann oft war, hat „free“ für Coleman niemals bedeutet, dass etwas zerspielt, zerlöchert oder zerstört werden soll. Gegen den Zorn, den er spürte, setzte er das Glück der Gemeinschaft und des Miteinanders. Unter den musikalischen Revolutionären jener Zeit war er der größte Ideenmusiker: einer, der unaufhörlich an der Idee und der Form des Zusammenspiels arbeitete; der das Geben und Nehmen in der Musik neu zu organisieren versuchte.

Trennung zwischen führenden und begleitenden Instrumenten

Wie zuvor kein anderer jazz- oder popmusikalischer Entwurf löste „Free Jazz“ die Trennung zwischen führenden und begleitenden Instrumenten auf, unterlief die übliche Struktur der Improvisation als rhythmisch vermittelte Abfolge von Soli. „Harmolodics“ nannte Coleman diese musikalische Idee: ein Kunstwort aus „harmony“, „movement“ und „melody“, Harmonie, Bewegung und Melodie. Was das genau hieß? Das wusste niemand jemals so genau, wahrscheinlich nicht einmal Ornette Coleman selbst. Er wollte ja auch kein Dogma lehren, sondern eine Haltung, eine Motivation: es anders zu machen, zärtlicher, rücksichtsvoller.

Bis ins hohe Alter hat er großartige Platten aufgenommen, etwa „Sound Grammar“ aus dem Jahr 2006, und er hat atemberaubende Konzerte gegeben, für das Berliner Publikum zuletzt 2009 im Schloss Neuhardenberg. Atemberaubend waren diese Konzerte wegen seiner Melodik und seiner Erfindungskraft. Vor allem aber auch wegen seiner seltenen Gabe, ein Ensemble zu führen, ohne es zu dominieren. Mit wenigen Bewegungen erschuf Coleman eine Präsenz, die keine Präsenz nötig hat; eine Mitte in einem musikalischen Zustand, der sich sofort wieder ins Heterogene entfaltete. Er besaß die Autorität dessen, der keine Autorität braucht.

Ornette Coleman ist tot. Er ist am Donnerstag im Alter von 85 Jahren in New York City gestorben.