Fotos oder Bücher mit Fotos, sagte der schweizerisch-amerikanische Weltbeobachter Robert Frank, seien „Blicke zurück in eine entschwundene Zeit und Welt“. Aber, beeilte er sich hinzuzusetzen: „Das Einzige, was mich interessiert, ist, was ich zuletzt gemacht habe.“

Robert Frank war Revolutionär seiner Ära

Irgendwann hat Robert Frank aufgehört, seine Fotos zu ordnen. Es sind zu viele geworden in über 70 Jahren, in denen er rastlos die Orte wechselte: Zürich, New York, der Westen der USA, schließlich Kanada. Geboren 1924 in Zürich, 1947 in die USA ausgewandert, zuerst Modefotograf, dann immer mehr politischer Fotoreporter und schließlich eine Art spröder Lyriker der Fotografie, war ein ganz Besonderer seines Metiers: Es ist da immer ein Widerspruch zwischen Kontemplation und Unruhe, von Neugier und Melancholie in den Fotos und Filmsentenzen dieses Europäers in Amerika.

Alles ließ er fließend werden: Realität und Fiktion, Öffentliches und Privates, sentimentale Nähe und ironische Distanz. Und wenn Henri Cartier-Bresson als Klassiker der Fotografie des 20. Jahrhunderts gilt, dann ist Robert Frank der Revolutionär dieser Ära. Mit seinem Buch „Die Amerikaner“, 1958 in Paris erschienen, begann eine neue Epoche der Fotografie. In den USA wollte es zunächst niemand drucken – zu schonungslos ehrlich, zu düster-poetisch war Franks Blick auf die USA. Jack Kerouac, Poet der Beat Generation, schrieb im Vorwort: „Robert Frank hat aus Amerika ein trauriges Gedicht gesogen und es auf Film gebannt, damit einen Platz unter den tragischen Dichtern der Welt errungen.“

Robert Franks Bilder solle man laut ihm „wie ein Gedicht lesen, aber jede Zeile zweimal“ 

Eine USA-Reise 1955/56 erbrachte die Fotos zum Buch; es erschien 1959 auch in den USA. Frank zeigt darin das Amerika der kleinen Leute: hastige Esser in Schnell-Restaurants, tödliche Verkehrsunfälle. Man sieht triste Tankstellen, Imbissbuden, Telefondrähte, Jukeboxen, Fernstraßen, geflickte Flaggen und zerstrittene Rassen – alles eine verblüffende USA-Bestandsaufnahme aus dem skeptischen Blickwinkel des Schweizers. Frank legte kaum Wert auf technische Perfektion und ästhetische Regeln: Die Bilder haben Unschärfen, Köpfe und Körper sind angeschnitten, aber von 28.000 Negativen benutzte er nur 83. Nach dem Buch drehte er vor allem Filme. Viele haben, wie auch späte Fotos, einen Bezug zum eigenen Leben. Etliche sind den verstorbenen Kindern gewidmet – Dokumente der Trauer. Tochter Andrea kam 1974 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, der kranke Sohn Pablo brachte sich 1995 um. 1972 drehte Frank den kaum gezeigten Film „Cocksucker Blues“ – über die USA-Tournee der Rolling Stones, ein wildes Stück Kino – gigantische Bühnenkraft, hinter den Kulissen Drogen, Sex, Selbstzerstörung.

Frank sagte oft, man solle seine Bilder „wie ein Gedicht lesen, aber jede Zeile zweimal.“ In ihnen verschwindet das Außen oft hinter Fensterscheiben oder in Spiegelbildern. Manchmal schrieb er in die Bilder hinein oder er zerkratzte Negative, machte daraus Collagen. Wichtige Fotokritiker bescheinigten Frank, der sich um 1985 mit den ostberliner Fotografen Arno Fischer und Sibylle Bergemann eng befreundet hatte, einen „Widerstand gegen das absolute Einzelbild, gegen eine lineare Erzählweise. Zwischen seinen Fotos und Filmen gibt es viele Parallelen. Diese Bildsprache der riskanten Perspektiven, der angeschnittenen Gesichter, Unschärfen und Überblendungen hat gewissermaßen erstmals die Schnappschuss-Methode mit klassischen Kompositionsprinzipien verbunden.

In Franks Fotografien gibt es keinen Stillstand 

Und er machte durch die Erfahrung mit dem Film und seiner Orientierung an Godards Schnitten die Fotomontage zum Bildprinzip. Es gibt in Franks Motiven keinen Stillstand. Paradox, schließlich hält Fotografie bekanntlich für Momente die Zeit an. Diese Funktion wird bei ihm gründlich demontiert: So gut wie keines seiner Fotos ist frontal komponiert. Alles ist in Bewegung: Leute, die über die Straße rennen, ein LKW, der aus einer dunklen Garage ins Licht fährt.

Anekdoten finden in solchen Konstruktionen keinen Halt. In krakeligen Buchstaben hat Frank Kryptisches hineingeschrieben, Halbsätze wie „Keine Furcht“ oder „diese Angst“ schweben frei zwischen dem Fotopapier und dem Auge des Betrachters. Nun ist Robert Frank in Inverness in der kanadischen Provinz Nova Scotia im Alter von 94 Jahren gestorben.

Am Donnerstag eröffnet 19 Uhr eine große Robert-Frank-Retrospektive unter dem Titel „Unseen“ im C/O Berlin im Amerika-Haus