Es gibt nicht viele Filme, die einen so tiefen Eindruck hinterlassen, dass es für ein ganzes Leben reicht. Oftmals ist es auch nicht klar, warum man die einen Filme gleich wieder vergisst und sich an andere noch nach Jahrzehnten erinnert.

Im Falle der Fünfteilers „Wege übers Land“, der 1968 im DDR-Fernsehen gezeigt wurde und mit einer Einschaltquote von 78 Prozent damals ein Straßenfeger war, hat dieses wunderbare Phänomen des Films ein Gesicht: Es ist das Gesicht der Schauspielerin Ursula Karusseit. Die hohen Wangenknochen, der trotzige Blick, das Haar unter dem im Nacken geknoteten Kopftuch.

In dem bewegenden Drama, das sich um Flucht aus Ostpreußen und den Aufbau einer neuen Existenz in der sowjetisch besetzten Zone dreht, spielt sie auf unvergessene Weise die Rolle der Bäuerin Gertrud Habersaat. Als Magd bei einem Großbauern im Deutschen Reich muss sie mit den Demütigungen der Gräfin leben, später übernimmt sie gemeinsam mit ihrem Mann einen enteigneten Hof im eroberten Polen und erlebt dort das Grauen der Deportationen mit.

Nach dem Krieg, aus dem ihr Mann nicht zurückgekehrt ist, zieht Gertrud Habersaat mit ihren drei Kindern zurück in ihr Heimatdorf, wo sie als Neubäuerin alles andere als willkommen ist, sich schließlich jedoch bis zur LPG-Vorsitzenden durchkämpft. In dem sozialistischen Lehrstück, das eben mehr gewesen ist als das, durfte die Karusseit als Debütantin eine Schauspielerriege anführen, zu der unter anderen Manfred Krug, Armin-Mueller-Stahl und Angelica Domröse gehörten.

Ursula Karusseit: Von der Sekretärin zur Schauspielerei

Vieles von dem, was ihr Spiel bis heute so nachdrücklich macht, mag im Lebensweg von Ursula Karusseit begründet sein. Sie wird im August 1939, wenige Tage vor Kriegsbeginn, in Elbing bei Danzig geboren. Von dort geht die sechsköpfige Familie 1945 auf den Flüchtlingstreck und sucht schließlich in Mecklenburg eine neue Heimat.

Ursula Karusseit absolviert eine kaufmännische Ausbildung und arbeitet als Sekretärin in einer Maschinenfabrik. Über die Theatergruppe des Betriebes kommt sie zur Schauspielerei. An der Staatlichen Schauspielschule in Berlin, der späteren „Ernst Busch“, macht sie ihr Hobby zum Beruf.

Karusseit feierte europaweite Erfolge als Theaterschauspielerin

Noch während des Studiums hat sie 1961 ihren ersten Auftritt an der Berliner Volksbühne, zu deren prägenden Protagonistinnen sie viele Jahre zählte. Bei der Arbeit zu Peter Hacks’ Stück „Moritz Tasso“, in dem sie die Rolle der Roten Rosa spielte, lernte sie Benno Besson kennen, mit dem sie nicht nur die Liebe zum Theater verband. Sie war in erster Ehe mit dem Schweizer Regisseur verheiratet, ihr gemeinsamer Sohn Pierre Besson ist auch Schauspieler.

Als Theaterschauspielerin feierte Ursula Karusseit europaweit Erfolge. In ihren letzten Berufsjahren kehrte sie zum Fernsehen zurück, wo sie in der Arztserie „In aller Freundschaft“ wie zu Beginn ihrer Laufbahn ein Massenpublikum erreichte. Am 1. Februar ist Ursula Karusseit in Berlin gestorben.