R-E-S-P-E-C-T! Wie anders könnte man eine Würdigung Aretha Franklins beginnen, als mit diesem fordernden Ruf aus ihrem berühmtesten Song? 1965 von Otis Redding als Liebeslied geschrieben, wurde er zwei Jahre später durch Aretha Franklins rüttelnden Optimismus zum Schlachtruf der Bürgerrechtsbewegung und zur frühen Hymne weiblicher Emanzipation.

„Respect“ bedeutete aber auch den künstlerischen wie kommerziellen Durchbruch für Aretha Franklin. Die Single und das begleitende Album „I Never Loved a Man the Way I Love You“ markieren ihren Wechsel zum Atlantic-Label, das sich nicht zuletzt durch die Partnerschaft mit der Southern-Soul-Firma Stax zu einer entscheidenden Kraft im Sechziger-Soul entwickelt hatte. Produzent Jerry Wexler, neben den Firmengründern Ahmet und Nesuhi Ertegun wichtigster Mann des Labels, brachte Aretha Franklin mit den Musikern der Muscle Shoals Rhythm Section aus Alabama zusammen, die mit ihrer deftigen Countrysoultönung ähnlich wiedererkennbar und markant wirkten wie die Motowns Funk Brothers oder Booker T and the MGs bei Stax.

Die übrigens weiße Backingband – beliebt bei Soulgrößen von Percy Sledge, Otis Redding zu den Staple Singers und Rockern wie Bob Seger und den Rolling Stones – begleiteten Aretha Franklin (wie auch ihre beiden Schwestern als Backingchor Sweet Inspirations) durch ihre wichtigsten Jahre bis Anfang der 70er-Jahre. 

Im Gottesdienst singen gelernt

Nachhaltiger wirkte jedoch, dass Wexler furchtlos die Gospelwurzeln in Franklins Gesang betonte. Immerhin war „I Never Loved a Man...“ schon ihr zehntes Album, seit sie 1956 mit einer Sammlung von Kirchenliedern debütiert hatte – als 14-jährige Mutter eines Sohnes, dem ersten von insgesamt vieren. 

Geboren in Tennessee und aufgewachsen in Detroit, hatte sie das Singen in den Gottesdiensten ihres Vaters gelernt, einem populären Pfarrer und Bürgerrechtler, durch den Aretha schon früh mit Gospelgrößen wie Mahalia Jackson und Clara Ward, ihrem stärksten Einfluss, bekannt wurde. 

Nachdem sie unter anderem ein Angebot des jungen Detroiter Labels Motown ausgeschlagen hatte, begann sie 1960 ihre Popkarriere beim Major Columbia in New York mit swingorchestrierten Popsongs. Nummern wie „Rockabye Baby with a Dixie Melody“, ein Klassiker seit der Aufnahme des Blackface-Sängers Al Jolson in den Zwanzigern, brachten ihr erste Notierungen außerhalb der schwarzen R&B-Charts.

Das energische Stax-Modell

Wer nur ihren strahlenden Gospelton im Ohr hat, für den klingt sie auf diesen elegant-polierten Stücken ungewohnt verhalten. Das war wohl der Preis, den man als afroamerikanischer Künstler in jenen segregierten Tagen zahlen musste, wenn man im Pop Fuß fassen wollte – die Sinnlichkeit des Rhythm & Blues rührte an die sexualisierten Ängste am Grunde des US-Rassismus. 

Im Strom der Bürgerrechtsbewegung entstanden jedoch mit der urbanen Souveränität Motowns und der eher ländlichen Energie des Southern Soul von Stax beinahe zeitgleich zwei Entwürfe, die aus der afroamerikanischen Tradition heraus den Pop-Mainstream erschlossen.

Aretha Franklins Aufnahmen für Atlantic liegen auf der energischen Linie des Stax-Modells. Franklin übernimmt den starken Ausdruck ganz selbstverständlich. Doch kontrolliert sie noch mit der befreiendsten Geste ihren Gesang gerade dort, wo es scheint, als werfe sie sich rückhaltlos in den Song. 

Erfolgreiche Rückkehr

So wichtig sich ihre Rückbesinnung auf den ekstatischen Stil der Kirche erweist, so sehr erzielt sie ihre immense Wirkung durch die Erfahrung im wohltemperierten Pop, aber sie lässt keinen Zweifel, dass sie immer noch einen effektvollen Schritt nach oben steigen könnte, wenn es denn nötig wäre – ein unerschütterlicher Ton, der gleichermaßen schwarzes wie weibliches Selbstbewusstsein demonstrierte, „Young, Gifted, and Black“, wie sie 1972 eines ihrer besten Alben nannte.

Da schien es, als würde ihr trotz einer manchmal zufällig wirkenden Auswahl von Bluesnummern und Beatles-Hits, Easy Listening und zeitnahem Chartsmaterial alles gelingen. Mit Songs wie „Think“, „Say a Little Prayer“, „Spanish Harlem“ oder „Bridge Over Troubled Water“ lebte sie praktisch in den internationalen Top Ten, wo sie wie niemand sonst den US-Soul verkörperte. Zehn ihrer 18 Grammys erhielt sie zwischen 1968 und 1975. Und zum Abschluss ihrer Superstar-Periode gelang ihr mit dem triumphalen Live-Doppel-Album „Amazing Grace“, dem persönlichen Bestseller, sogar die überraschende, erfolgreiche Rückkehr zur Kirchenmusik. 

Im Status einer Institution

Doch wie die meisten Soulsänger ihrer Generation kam auch Aretha Franklin in den hedonistischen Zeiten von Phillysound, Disco und schließlich HipHop aus dem Tritt. Zwar gelang ihr nach dem resoluten Auftritt in John Landis’ Rhythm & Blues-Hommage „Blues Brothers“ ein kommerzielles Comeback. Luther Vandross produzierte für sie modisch hübschen Soul, mit Narada Michael Walden zog sie energisch in den Crossover-Pop von „Who’s Zooming Who“ und dessen Duette mit Annie Lenox und George Michael, wofür sie sogar ihre erste Platin-Auszeichnung bekam. 

Künstlerisch blieb sie damit jedoch, zumal wenn man sie an ihren besten Arbeiten misst, eher im Bereich bloß gefälligen Mainstream-Pops. Das änderte sich auch nur eher atmosphärisch auf „A Rose is Still a Rose“, wo sie 1998 mit Lauryn Hill, Puff Daddy und Jermaine Dupri einen Neo-Soul-Versuch unternahm. 

„Queen of Soul“

Auftritte wie jener zu den Grammys desselben Jahres, als sie für den kranken Luciano Pavarotti mit Puccinis „Nessun Dorma“ einsprang, deuteten bereits eine Art undeklarierten Ruhestand an. Es gab eine Sammlung voll Duetten seit den mittleren 80er-Jahren mit „All-Stars“ wie Whitney Houston, Frank Sinatra oder Elton John, ein kitschiges Weihnachtsalbum sowie einen fröhlich schwergewichtigen Auftritt im Werbespot für einen Schokoriegel. Unvergessen auch jener denkwürdige Auftritt, zu dem sie sich im üppigen Pelzmantel ans Klavier setzte und mit dem Lied „Natural Woman“, also „Vollkommene Frau“ das Publikum hinriss und Präsident Obama zu Tränen rührte. 

Aretha Franklin hat jeden Grammy gewonnen, sie war die erste Frau in der Hall of Fame des Rock, trug einige Ehrendoktorate, Stadtschlüssel und Kongressmedaillen – offenbar fügte sie sich in den Status als Institution. Den jedoch hat sie sich mit ihrem eindrucksvollen Lebenswerk voll menschlicher und künstlerischer Größe nicht weniger gründlich verdient als unseren allertiefsten Respekt. Diesen erwies ihr nicht zuletzt eine Soulgröße wie Stevie Wonder, der sich von der an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten „Queen of Soul“ mit einem letzten Besuch bei ihr verabschiedete. Aretha Franklin ist nun in Detroit im Alter von 76 Jahren gestorben.