Tabea Blumenschein in "Bildnis einer Trinkerin". 
Foto:  Ulrike Ottinger 

BerlinEin Foto aus den 80er-Jahren zeigt Tabea Blumenschein als elfenhafte Schönheit in einem West-Berliner Treppenaufgang. Die blond-strähnigen Haare sind in der Mitte hochgesteckt, die Augen tief dunkel geschminkt, der Lederanzug zeugt von kühler Eleganz. Auch ohne biografische Daten zu der im Halbdunkel abgebildeten Person erkennt man in ihr eine unverwechselbare Stilikone ihrer Zeit. Punk war dazu übergegangen, modisch zu werden und Tabea Blumenschein verkörperte ihn äußerlich und habituell in jeder Pore.

Zu einer subkulturellen Berühmtheit war sie schon 1979 durch Ulrike Ottingers Film „Bildnis einer Trinkerin“ geworden, in dem Tabea Blumenschein eine reiche, elegante Frau spielt, die nach Berlin kommt, um sich fortan hemmungslos dem Alkohol hinzugeben. Der Film zeichnet nicht nur das ungewöhnliche Psychogramm einer zur völligen Verausgabung bereiten Frau, sondern ist zugleich eine Milieustudie über die West-Berliner Bohème, in der Nina Hagen, Eddie Constantine, Kurt Raab, Wolf Vostell und Martin Kippenberger als Gäste reüssieren.

Der Wille zur Verausgabung

Der Wille zur unprätentiösen Verausgabung ist auch ein Merkmal der Karriere der Tabea Blumenschein, die ihre künstlerischen Talente in viele Richtungen verstreute. Sie gehörte zum Umfeld des 1981 im Tempodrom stattfindenden Festivals Geniale Dilettanten und zusammen mit dessen Erfinder Wolfgang Müller trat sie in der avantgardistischen Punkband Die Tödliche Doris auf, die auf furiose Weise Fotografie, Videokunst, Musik und Performance miteinander verknüpfte.

Tabea Blumenschein war keine, die im im wilden Berliner Nachtleben bloß dabei war. Immer wieder fiel sie darin durch ihre markante Erscheinung auf, die auch dem Magazin Stern nicht verborgen blieb. 1985 ließ sie sich mit einer anderen jungen Frau auf dem Titel des Stern zu einer Geschichte über „Frauen, die Frauen lieben“ abbilden. Später räumte sie ohne Umschweife ein, nie mit der mit ihr abgebildeten Frau eine Paarbeziehung unterhalten zu haben. Für das Posing habe es ein Honorar über 5 000 Mark gegeben, das reichte für ein paar weitere Monate Berliner Abschweifungen.

Rückzug nach Marzahn

Tabea Blumenschein war rastlos und vielseitig. Sie entwarf und schneiderte Kostüme, und für Andy Warhols Magazin "Interview" zeichnete sie Modeentwürfe für gehandicapte, übergewichtige und magersüchtige Menschen. Bemerkenswert war sie in der sich spätestens ab Mitte der 80er-Jahre auch geschäftlich formierenden Punkavantgarde durch das völlig unstrategische Ausleben ihrer Talente. Tabea Blumenschein tat, was ihr Spaß machte, und unterließ vieles eben deshalb. Ihr Film „Zagrabata“ über die noch nicht zwischen linken und rechten politischen Motiven geschiedene Skinhead-Szene besitzt schon deshalb dokumentarischen Wert, weil er einen frühen Konzertausschnitt mit den lange als rechte Punkband umstrittenen Böhse Onkelz enthält. Für Blumenschein aber waren die Onkelz kein politisches Phänomen. Sie passten ins Bild, weil sie gerade da waren.

Das lustbetonte Leben hatte seinen Preis, vorübergehend lebte Tabea Blumenschein in einem Heim für obdachlose Frauen in Schöneberg, und Anfang der 90er-Jahre zog sie sich in eine Wohnung nach Marzahn zurück. Die Party war vorbei, lediglich zu ein paar Weggefährten unterhielt Tabea Blumenschein, die nie aufgehört hat, zu zeichnen und zu malen, freundschaftliche Kontakte. Für Wolfgang Müllers Buch „Die Tödliche Doris“ rekonstruierte die 1952 in Konstanz geborene Tabea Blumenschein ihre Kostüme aus den 80er-Jahren in Form von Zeichnungen. Nun ist sie im Alter von 67 Jahren in Berlin gestorben.