Am Dienstagnachmittag hatte Tom Petty einen Radiotermin. Seit über zehn Jahren stellt er auf dem Satellitensender Sirius XM in seiner Show „Vergrabene Schätze“ Lieblingssongs und eigene Lieder vor, diesmal stand dabei ein Stück auf dem Plan, das er in den 90ern mit Carl Perkins aufgenommen hat, der in den großen Zeiten von Memphis an der Seite von Elvis und Johnny Cash gespielt hat. So tief reichten Pettys Wurzeln, er war ein Musiker, der seine Energie, seine Inspiration, seinen Witz und seinen Trotz aus dem Urgrund der Popkultur gesogen hat.

Blues und Folk seiner Heimat verband sich bei ihm mit der feinen Melodik der Beatles und dem Rumpeln der Rolling Stones. Auf Pettys Webseite war die vorproduzierte Sendung noch angekündigt, als sich längst die traurige Nachricht verbreitet hatte, dass seine quenglige Stimme nun für immer verklungen ist. Tom Petty ist am Abend des 2.Oktober in Los Angeles an den Folgen eines Herzinfarktes gestorben. Er wurde nur 66 Jahre alt.

Ausgerechnet das Herz wollte nicht mehr mitspielen bei jenem Mann, der vor vierzig Jahren seine Band The Heartbreakers formiert hat, mit der er bis vor einer Woche noch auf Jubiläumstour kreuz und quer durch die USA gewesen ist. Bei seinem letzten Konzert in der Hollywood Bowl nicht weit weg von seinem Haus in Malibu spielte Tom Petty mit den Heartbreakers als letzte Zugabe seinen Song „American Girl“, der nun wie ein Vermächtnis klingt. „Well, she was an American girl“ singt Petty dort, „raised on promises. She couldn’t help thinking that there was a little more to life somewhere else.“

Ja, sie war ein amerikanisches Mädel, aufgewachsen mit der Vorstellung, dass es irgendwo noch ein anderes Leben für sie geben muss. Kürzer kann man den amerikanischen Traum nicht fassen. Am Ende steht die Frau allein in der Kälte auf dem Balkon am Highway und es ist nicht ganz klar, ob sie springen wird. Dazu klirren die Gitarren, der Beat hastet voran. Es ist ein Lied vom ersten Album der Heartbreakers 1976, als man sie beim flüchtigen Hören noch für eine der gerade angesagten New-Wave-Bands halten konnte.

Manifeste und Statements waren nicht Pettys Sache

Aber eines machte der spindeldürre Schlacks mit den blonden Strippen vor den Augen bei allem Pop-Appeal, der ihn umgab, schon damals klar. Er versteht zwar jede Menge Spaß, doch der ist für ihn vorbei, wenn es um Ungerechtigkeit und Heuchelei geht. Das Abrechnen mit Amerika und seinen leeren Versprechen zieht sich durch Pettys Werk, auch wenn sich dieser kritische Ton bei ihm nie so überdeutlich formulierte wie etwa bei Bruce Springsteen oder Neil Young.

Manifeste und Statements waren Pettys Sache nicht. Der Schwarzseher mit dem zynischen Humor ließ sich seine Zuversicht nicht austreiben. „Ich habe einen Traum, und ich werde dafür kämpfen, bis er aufgeht“, singt er in dem Stück „American Dream Plan B“ auf dem letzten Album mit den Heartbreakers.

Als „Hypnotic Eye“ vor drei Jahren erschien, war es die erste Platte in Pettys Karriere, mit der er die Nummer 1 in den Charts erreichte. Ein Witz, wenn man bedenkt, dass das Radio einen ganz Tag lang Tom Petty spielen könnte: „It’s Good To Be King“, das schöne „Wildflowers“, „Learning To Fly“, „Into The Great White Open“, „Free Fallin’“ natürlich, und „Crawling Back To You“ mit der unsterblichen Zeile: „I’m so tired of being tired.“

Geboren wurde der mit knapp 1,75 eher kleine große Mann des Rock am 20. Oktober 1950 in Gainsville, Florida. Seiner Heimat im Süden, den „Southern Accents“, wie er eine LP nannte, blieb er verbunden, auch als er nach Los Angeles umzog. In den 80er-Jahren stattete er eine Tournee seiner Band mit dem Banner der Konföderierten aus, was er als später als große Dummheit bereuen sollte.

1970 taten sich Petty, Tench und Campbell zu einer Band zusammen

Schlimme Kindheit, schlecht in der Schule, eine Niete im Sport – es war Tom Petty vorbestimmt, sein Glück in der Rockmusik zu suchen. Mit zwölf bekam er seine erste Gitarre, gründete die erste Band. „Wenn du ein Rockstar werden willst, besorge dir eine elektrische Gitarre und lerne sie zu spielen“, hatten ihm die von ihm auf ewig verehrten Byrds in dem Song „So You Want To Be A Rock And Roll Star“ als Lebensentwurf mitgegeben.

Im Jahr 1970 tat sich Tom Petty mit dem Keyboarder Benmont Tench und dem Gitarristen Mike Campbell, zunächst noch unter dem Namen Mudcrutch, zusammen, beide Musiker waren dann bis zum Schluss auch das Herz der Heartbreakers, die immer sehr viel mehr als eine begleitende Band gewesen sind.

In den fast fünfzig Jahren ihres Zusammenspiels erwarben sie sich eine Präzision, die nie steril wirkte und eine Freiheit, die sich nie vergniedelte, sondern stets zum Kern zurückfand. Man muss gesehen haben, wie Petty, der nur alle Jubeljahre in Europa gastierte, bei seinem Konzert 2012 in Hamburg mit Rasseln in den Händen wie ein Medizinmann Publikum und Musiker beschwört, um zu begreifen, wer der Rockwelt hier verloren geht. Ein Showmann und Schamane in Personalunion.

Als er vor dreißig Jahren in die Midlifekrise geriet und zuverlässig auch noch seine Ehe scheiterte, tat sich Tom Petty zur Abwechslung mit ein paar Kollegen zusammen, die auch gerade ein bisschen weg vom Fenster waren. Sie hießen Roy Orbison, Jeff Lynne, George Harrison und Bob Dylan. Als einzig wahre Supergruppe bildeten sie für zwei Alben das Küchenprojekt „Traveling Wilburys“. Nur so aus Spaß, aufgetreten sind sie nie.

Der Traum, den sich Tom Petty erfüllt hat, ist zu Ende. Sein letztes musikalisches Zeichen hat er als Produzent auf dem neuen Album von Chris Hillman hinterlassen, der einst die Byrds mitbegründet hatte. Es ist ein stimmiger Abgang. Nur eben viel zu früh.