Tom Zickler liebte das Kino in seiner ursprünglichen Bedeutung: als Spektakel, Gefühlsschleuder, Jahrmarktsattraktion. Möglichst bunt sollte es sein und komödiantisch, mit satten Geschichten von Leben, Liebe und Tod und witzigen Dialogen auch mal unter der Gürtellinie. Zicklers Kino war das glatte Gegenteil der Berliner Schule, ein Kino für Majoritäten. Unbedingt notwendig für die innere Balance einer jeden Kinematographie, auch wenn Kritiker immer mal wieder die Nase rümpften.

Gemeinsam mit Till Schweiger produzierte Tom Zickler Erfolgsfilme wie  „Keinohrhasen“ oder „Kokowääh“

Die Defa war seine Kinderstube, hier fing er in der Aufnahmeleitung an, stand am Set der Märchen „Eisenhans“ (1988) und „Gänseprinzessin“ (1989), bevor er an der Babelsberger Filmhochschule Produktion studierte. Es war ein glücklicher Zufall, dass er in den 1990er-Jahren auf Til Schweiger stieß, gemeinsam stemmten sie das Projekt „Knockin‘ on Heaven‘s Door“, und die Tränen, die die Zuschauer über die Story von zwei schwerkranken Jungs auf ihrem letzten Trip ans Meer lachten und weinten, hatte zuvor auch schon Tom Zickler gelacht und geweint: Denn er lebte seine Emotionen ohne Scham aus. Ich sehe noch, wie er vor ein paar Monaten bei der Trauerfeier für den berühmten Babelsberger Tonmann Ulrich Illing am Pult stand und ihm die Stimme brach, weil er einen langjährigen Freund verloren hatte und das auch gar nicht zu verbergen suchte.

Nun kam gestern die Nachricht, dass auch Zickler verstorben ist, 55-jährig, nach kurzer schwerer Krankheit. Studio Babelsberg trauert „um einen der größten Filmproduzenten und leidenschaftlichsten Geschichtenerzähler“, und wir erinnern uns an Produktionen, die er auf den Weg gebracht hat. An seinen Versuch, in Babelsberg eine B-Movie-Tradition aufzubauen, mit schrägen Titeln wie „The Antman“ (2002) oder „Detective Lovelorn und die Rache des Pharao“ (2002), in denen ganz bewusst die Kulissen wackelten. An die gemeinsam mit Schweiger produzierten Erfolgsfilme „Barfuß“ (2005), „Keinohrhasen“ (2007), „Kokowääh“ (2011) oder „Honig im Kopf“ (2014). Jeder einzelne Film lag ihm am Herzen, aber zwei ganz besonders: In „Friendship!“ (2010) schickte er Friedrich Mücke und Matthias Schweighöfer auf die Reise von Ost-Berlin nach San Francisco und erzählte damit gleichsam aus seiner eigenen Biografie: Unmittelbar nach dem Fall hat Mauer hatte er sich mit Freunden auf eine Tramptour durch die USA gemacht, ohne viel Englisch zu können und mit fast keinem Geld. Schweighöfer als Tom: eine Reminiszenz an die wilden Zeiten der Anarchie, als noch alles möglich schien.

Michael Gwidesk und Tom Zickler waren ein Dreamteam 

Der zweite Film, in den Zickler all sein Herzblut investierte, kam erst vor ein paar Wochen ins Kino und heißt „Traumfabrik“. Die Imagination eines großen, prosperierenden Studios, in dem parallel Dutzende Filme entstehen, Piraten- und Revolutionsfilme, Krimis, Science-Fiction und Komödien – und sogar einer über Cleopatra. Zickler nannte das Studio Defa, obwohl er wusste, dass sein Traumgebilde so viel mit der Defa zu tun hat wie Schneewittchen und die sieben Zwerge mit einer wissenschaftlichen Studie über Kleinwüchsige. Aber er wollte seine Seele baumeln lassen: aus ganzer Liebe zum Kintopp, zur Fantasie. Das Publikum zog leider nicht mit, die Kritik sowieso nicht. Auch dass die Fabel in eine Rahmenhandlung eingebaut war, in der ein Großvater seinem Enkel die ganze Geschichte vorflunkert, ein wohlüberlegter dramaturgischer Kniff, spielte als Entlastung keine Rolle.

Den Großvater gab übrigens Michael Gwisdek, noch so ein Bruder in Zicklers Geiste, ein Dreamteam auch für künftige Projekte. Es hätte schön werden können. Es ist vorbei.