Tony Allen 2015 bei einem Gastspiel in der Schweiz.
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BerlinEnde März erschien noch ein schönes Album Tony Allens mit dem großen südafrikanischen Trompeter Hugh Masekela - ein posthumes Gipfeltreffen zweier der wichtigsten Musiker Afrikas. Masekela starb schon vor zwei Jahren, die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2010. Jetzt ist „Rejoice!“ - freut euch! - das letzte Album, das zu Lebzeiten Allens erschien. Tony Allen starb am 30. April in Paris - nicht an Corona.

„Rejoice!“ zeigt Allen in Bestform und unterstreicht im Spiel mit dem eher konventionell jazzigen Trompeter auch die Neugier und Beweglichkeit, mit der er seinen unverwechselbaren Stil in den letzten Jahrzehnten in die unterschiedlichsten Zusammenhänge trommeln konnte - und dabei den unverwechselbar trocken komplexen und wundersam flüssigen Afrobeat anspielen, der seinen Ruhm begründet.

„Ohne Tony Allen gäbe es keinen Afrobeat“, sagte Fela Kuti über den Drummer, mit dem er Mitte der Sechzigerjahre in Lagos seine einleuchtend innovative und einflussreiche Mischung aus der nigerianischen Tanzmusik High Life und dem modernen US-Post-Bop auf den Weg brachte. Allen, 1940 in Lagos geboren, hatte in verschiedenen lokalen Jazz- und Touristen-Tanzbands gespielt, bevor ihn Kuti 1965 zu Koola Lobitos, dem Vorgänger des legendären Africa 70-Ensembles, holte.

Allen verband das raumgreifende Spiel von US-Vorbildern wie Art Blakey und Max Roach mit den hüpfenden High Life Beats. Er  erweiterte dazu auch die Instrumente um Percussion wie Congas, Bongos oder die Shekere-Rassel. „Für Nigeria war es wie eine musikalische Revolution“, erinnerte er sich in einem Interview. Bis 1979 legte er den Beat in Kutis bläsersatten, gitarrenklingelnden Afrobeat - ein hypnotisch tanzbarer, dabei heller und leichter Groove. „Ich schlage meine Drums nicht“, zitiert ihn der Guardian, „ich streichle sie.“

Allen teilte Kutis politischen Zorn, aber nicht die kämpferische Leidenschaft. Als der staatliche Druck und die Repressionen gegen den kämpferischen Bandchef immer stärker wurden, stieg er 1979 aus, um wenig später nach Paris zu ziehen. Sein erstes Soloalbum erschien im selben Jahr unter dem Titel „No Discrimination“, aber die folgenden beiden Jahrzehnte hörte man ihn, auch geplagt von der Heroinsucht, nur selten mit eigenen Projekten und nur gelegentlich als Sessionmusiker für Afrojazzer wie Manu Dibango und King Sunny Adé.

Mit dem neuen Jahrtausend beginnt eine Art zweiter Frühling. Er spielt mit französischen Elektronikern wie Sebastien Tellier und Doctor L, der ihm das 1999 das großartig Dub-infizierte „Black Voices“ produziert, man hört ihn bei Charlotte Gainsbourg und Jimi Tenor, und durch die Zusammenarbeit in den Dub/ Elektro/ Rock-Projekten wie The Good, The Bad and the Queen wird er sogar noch eine Art Popstar.

Wie präzise beweglich und kommunikationsfreudig offen sein Spiel auch im stattlichen Alter blieb, konnte man zuletzt, vor zwei Jahren, im Berliner Funkhaus Nalepastraße erleben, wo er ein aufregend abstraktes Duo mit dem Detroiter Techno-Experimentalisten Jeff Mills gab.

Zugleich schaute er auf dem letzten Soloalbum 2017 (und einem kleinen Tribute-Album für Art Blakey), noch einmal auf die Jazzanfänge seiner Jugend zurück - mit einem tiefen Afrobeatblick, lustvoll und lebhaft unnostalgisch - und mit dem Drive des, so Brian Eno, „vielleicht größten Schlagzeugers, der je gelebt hat“.