Gottscheina - Udo Reiter vertrat die Ansicht, dass das Prinzip der Selbstbestimmung auch am Ende des Lebens gelten sollte. Er fand, zur Würde des Menschen gehöre, allein zu entscheiden, wann es so weit ist. Am Freitag, darauf deutet hin, was bisher bekannt ist, beschloss er, dass es nun für ihn so weit sei. Der Gründungsintendant des Mitteldeutschen Rundfunks ist tot. Der 70-Jährige wurde leblos auf der Terrasse seines Hauses in Gottscheina bei Leipzig gefunden. In der Nähe des Leichnams lag eine Waffe, teilte die Polizei mit.

Sein Wunsch, den er wenige Tage vor Weihnachten 2013 in einem Gastkommentar für die Süddeutsche Zeitung aufgeschrieben hat, blieb unerfüllt. „Ich möchte bei mir zu Hause, wo ich gelebt habe und glücklich war, einen Cocktail einnehmen, der gut schmeckt und mich dann sanft einschlafen lässt.“ Dazu hätte er Hilfe gebraucht, legale Sterbehilfe. Dafür plädierte er, immer wieder: in besagtem Gastkommentar, in Talkshows, in Gesprächen, in seiner Autobiografie „Gestatten, dass ich sitzen bleibe“, erschienen im Februar 2012. Wenige Monate davor war seine erste Frau gestorben. Wenige Monate danach heiratete er seine langjährige Lebensgefährtin, die ehemalige MDR-Moderatorin und Buchautorin Else Buschheuer.

Kampf gegen Hilflosigkeit

In der Süddeutschen schrieb er: „Ich möchte nicht als Pflegefall enden, der von anderen gewaschen, frisiert und abgeputzt wird. Ich möchte mir nicht den Nahrungsersatz mit Kanülen oben einfüllen und die Exkremente mit Gummihandschuhen unten wieder herausholen lassen.“ Vor allem wollte er keine Bevormundung, weder „durch einen Bischof, Ärztepräsidenten oder Bundestagsabgeordneten“.

Seit 1966, als er unangeschnallt aus seinem VW-Käfer am Nikolausabend aus dem Auto geschleudert wurde und sich das Kreuz gebrochen hatte, saß Reiter im Rollstuhl. Pilot hatte er werden wollen. Nun war er 23 Jahre alt, ohne Studienabschluss, ohne Beruf, ohne Perspektive, wie er fand. Lebensmut fasst er erst wieder, als ihm sein Lateinlehrer ein behindertengerecht umgebautes Auto besorgt.

Es war in einer Zeit, in der Barrierefreiheit in Deutschland ein Fremdwort war. Reiter studiert, promoviert, „magna cum laude – immerhin“. Die Doktorarbeit hatte er fertigstellen wollen, „damit wenigstens Dr. Udo Reiter auf dem Grabstein stehen würde“, schreibt er in seiner Biografie und erzählt von dem Moment, als er das letzte Bier trank, an seine Eltern schrieb, den Revolver nahm, eine Smith & Wesson, 38er spezial – und plötzlich merkte, „dass ich gar nicht tot sein wollte.“ Er fühlte sich „viel zu vital, um freiwillig auf das Leben zu verzichten, und sei es dreimal im Rollstuhl und noch so beschissen“.

Der von Lyrik begeisterte Reiter ging zum Bayerischen Rundfunk, wurde Hörfunkdirektor, gründete den Nachrichtensender B5, entdeckte Thomas Gottschalk. Sein eigentliches Lebenswerk begann mit dem Mauerfall.
Man nannte ihn den König von Mitteldeutschland. Er, der „Krüppel“, wie er es formulierte, aus einfachen Verhältnissen in Lindau am Bodensee, schuf den MDR aus dem Nichts. Umso schmerzvoller muss ihm im Mai 2011 sein glanzloses Ausscheiden vorgekommen sein. Der immer wieder wegen Skandalen in die Schlagzeilen geratene MDR war auf dem Höhepunkt einer Krise.

Es ging um viele Millionen, um Betrug, Bestechung und Bestechlichkeit und darum, inwiefern Reiter Schuld trägt, dass beim MDR so viele Missstände unkontrolliert geschehen konnten, möglicherweise bewusst ignoriert worden waren. Für die Aufräumarbeit seiner Nachfolgerin Karola Wille findet er in seiner Biografie keine guten Worte. Sie hingegen sagte am Freitag:„Die deutsche Medienlandschaft, wie wir sie heute kennen, verliert mit Udo Reiter einen ihrer Gründungsväter, der MDR einen Kollegen und väterlichen Freund“. Ein Visionär sei er gewesen, „der mit Kraft, Überzeugung und politischem Geschick den gerade erst formierten neuen politischen Strukturen in den neuen Bundesländern eine publizistische Stimme gegeben hat“.

Unbändige Lust am Leben

Die Jahre in Leipzig, sagte Reiter einmal, seien die schönsten seines Lebens gewesen. Zwar machte er es Kritikern des MDR-Programms leicht, die Nase zu rümpfen über die Mischung aus Volksmusik, Fernsehballett, Ratgebern, leichten Serien, Boulevard und jeder Menge Ostalgie. „Ja, und?“, schien sein angriffslustiger Blick über den Brillenrand in solchen Momenten zu fragen. Gern verwies er darauf, dass der MDR das ARD-Dritte mit den dauerhaft höchsten Quoten sei.

Schon früher gab es Phasen, in denen er sich die Haut wund gesessen hatte, die durch übermäßige Belastung verschlissenen Gelenke schmerzten. Seiner Lust am Leben, am Reisen, an Abenteuern, an Frauen tat das keinen Abbruch. Doch die Vitalität wich langsam aus seinem Körper.

Es war Reiters Anliegen, dass die Gesellschaft, dass die Politik einen Notausgang bietet für jene „normalen Sterbewilligen, die keine Kontakte zu liberalen, risikobereiten Medizinern haben“. Ihm ging es darum, dass auch sie ihr Leben in Würde und ohne unnötiges Leid beenden können. In der Süddeutschen Zeitung schrieb er: „Diese Menschen werden in unserer Gesellschaft alleingelassen. Sie müssen sich ihr Ende quasi in Handarbeit selbst organisieren.“ So wie er.

Anmerkung der Redaktion
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