Carlos Ruiz Zafón (1964–2020) 
Foto:  imago images/Jos Luis Cereijido

BerlinSein Roman „Der Schatten des Windes“ gehört in unserem Jahrhundert zu den Ausnahmeerscheinungen. Heute, da die Zahl der Bücher stetig wächst, gibt es immer weniger Titel, die zu einer bestimmten Zeit ganze Generationen erfassen können. Carlos Ruiz Zafón aber hat es geschafft, Selten-Leser zu beglücken und Kritiker zu überzeugen – mit diesem einen Roman und seinen Folgebänden. Am Freitag ist der Autor im Alter von 55 Jahren in Los Angeles an einer Krebserkrankung gestorben.

Den Tod eines berühmten Schriftstellers so zu kommentieren, dass es für die Buchwelt eine traurige Nachricht sei, bietet sich eigentlich immer an. Doch bei Carlos Ruiz Zafón passt diese Wendung auf besondere Weise. Sein berühmtester Roman, der 2001 auf Spanisch erschien und seither in 36 Sprachen übersetzt wurde, hat diese Welt bereichert. Er verwob die Schatten der spanischen Geschichte – den Bürgerkrieg, die Diktatur – mit den Schicksalen seiner Figuren und ihrem Glauben an die Macht der Literatur. Es ist das lebensverändernde Erzählen, das er auf magische Weise feierte: der kleinste gemeinsame Nenner von Lesern aller Bildungsschichten und jeden Alters.

1964 in Barcelona geboren, arbeitete er zunächst als Werbetexter und Journalist. Seine ersten Bücher, ab 1993 erschienen, richteten sich an ein jugendliches Publikum – „Der Fürst des Nebels“ etwa und „Mitternachtspalast“. Sie spielen mit Geheimnissen und halten mit überraschenden Wendungen die Leser bei Laune. In Deutschland wurden sie erst nach dem großen Erfolg von „Der Schatten des Windes“ herausgebracht. Dieser Roman hatte drei Nachfolger mit teilweise demselben Personal, die ebenfalls wahre Ereignisse und Orte mit Erfundenem verknüpften, die auch spannend und gut erzählt waren. Natürlich ließ sich damit der große Zauber nicht genauso wiederholen. Doch auf dem Friedhof der Vergessenen Bücher landen sie deshalb nicht. Sie bleiben lebendig.