Christoph Meckel (1935 - 2020)
Foto: Julian Stratenschulte/DPA

BerlinDas Gedicht „Dieser Tag“ kann man – von Christoph Meckel selbst gelesen – im Internet hören. Es dauert eine Minute. Es endet mit den Zeilen: „Ein paar Sätze, die ich dir zurufen wollte/ für heute, für morgen,/ für sieben Leben, kein Ende —“ 

Am 29. Januar 2020 starb in Freiburg im Breisgau der Dichter, Schriftsteller und Grafiker Christoph Meckel. Er wurde 84 Jahre alt. Er war viel unterwegs gewesen in der Welt. 1956, er war 21, erschien ein erster Band mit seinen Gedichten. Als zu seinem 80. Geburtstag seine Gesammelten Gedichte bei Hanser erschienen – „Tarnkappe“ – füllten sie 976 Seiten.

Keine Sekunde penibel, immer genau

Sein Verleger und Dichterkollege Michael Krüger nannte das Buch einen „Lebensroman in Versen“. Meckels Grafik ist ein Lebensroman in Bildern. Jeder Leser hat Autoren, die er einmal liebte und denen er irgendwann untreu wurde. Der mit Preisen geehrte Christoph Meckel, der mehr in bibliophilen Drucken als in Verlagen zu Hause war, war für viele der älteren bundesrepublikanischen Lyrikleser ein solcher Lebensabschnittgefährte.

Meckel aber war immer da. Es verging kaum ein Jahr, in dem nicht irgendwo eine Erzählung, Gedichte, Erinnerungen an vergessene Dichter und Dichterinnen erschienen. Viele dieser Bände hatten Umschläge, die Meckel selbst entworfen hatte. Meckel war der Künstler als Handwerker. Keine Sekunde penibel, war er immer genau. So kann nach „kein Ende“ kein Punkt stehen. Das wäre ja dann doch ein Ende. Eine Minute, sagte ich, dauerte die Lesung seines Gedichtes. Das gehörte auch zu Meckel: die Kürze. Irgendwann hatten seine Leser der ersten Stunde den Roman, den sie schon totgesagt hatten, wiederentdeckt. Und dann schnell auch den Familienroman und jetzt lesen wir sogar wieder Romane, die mehr als eintausend Seiten haben. Ein übermenschliches Maß.   Kein anderer deutscher Lyriker, schrieb sein Herausgeber Lutz Seiler, habe „die Tradition des Gesangs und des Liedes derart intensiv aufgenommen“ wie Christoph Meckel.  

Das Gedicht "Augen" von Christoph Meckel

"Die Augen der Gesunden/ erkennen die Welt/ bis an den Rand des Atlantik,/ die Augen der Kranken durchschauen die Welt/ bis zu der Stelle an der der Glanz/ der Nordlichtblitze Zu Ende geht./ Die Blicke der Toten/ übersehen die ganze Erde/ und erkennen selbst die alternden Engel/ die hinter den Schlüssellöchern/ schweigend sich drängen um einen Blick/ in meine ratlosen Augen zu werfen."