Es war eine Ahnung, und ich konnte nicht wissen, wie nahe der Realität sie war. Noch am Freitagmorgen vor der Abreise stand ich nur wenige Meter von Claus Jacobis Haus auf Sylt entfernt, das nahe an meinem Feriendomizil auf der Insel liegt.

Im Sommer habe ich ihn da an Wochenenden oft gesehen. Diesmal blieb das Haus still, und auch mein Gastgeber konnte nur vermuten, dass sein Nachbar schwer krank sein musste. Nur wenige Stunden später kam die Nachricht von Jacobis Tod. Als ich ihn das letzte Mal sah vor seiner plötzlichen Erkrankung war er noch, obwohl schon hoch in den Achtzigern, eine auffallende „Erscheinung“. Er war immer ein Mann der Superlative gewesen. Es gab wenige Journalisten, die in ihrer Jugend so gut aussahen. Groß, alert und einnehmend fiel er den Fotografen schon damals auf.

Er gehörte Anfang der fünfziger Jahre zu den jungen Männern, die Marion Gräfin Dönhoff in der Redaktion der Zeit gerne um sich sah. Ebenso machte er von seinem journalistischem Talent und seiner eleganten Feder von sich reden. So spielte sich seine Karriere von 1946 an bei der Zeit, bei Springer und im Spiegel ab, meistens in der Rolle eines Chefredakteurs.

Der Journalist des Jahrhunderts

Zweimal machte ihn Axel Springer zum Chefredakteur der Welt am Sonntag. Die drei Hamburger Großverlage waren seine Welt. Und da er mit seinem Tagebuch in der Bildzeitung noch bis vor einem Jahr aktiv war, galt er zu Recht als „der Journalist des Jahrhunderts.“

Dass Augstein ihn 1961 zum Chefredakteur des Spiegel berief, war eine Überraschung. Beide waren politisch weit voneinander entfernt – Augstein stand eher links, Jacobi viel weiter rechts. Dennoch wusste Augstein, was er tat. Unter seiner Ägide, kritisch gegenüber alles und allem, begann die Auflage des Enthüllungsblattes zu stagnieren. Jacobi sollte das Blatt „öffnen“.

Für ihn war das Vorbild des Spiegel nicht der Spiegel. Er hielt das Magazin „in vielen Passagen für ein polemisches Blatt mit negativen Akzenten“. Sein Vorbild war das amerikanische Magazin Time – politisch eher neutral und nicht auf die Idiosynkrasien eines Herausgebers wie Augstein fixiert. Der Spiegel-Stil musste abgemildert und andere Meinungen erlaubt werden. Augstein ließ ihn gewähren. Der Erfolg gab beiden recht.

Innerhalb weniger Jahre verdoppelte sich die Auflage auf eine Million Exemplare wöchentlich. Auch die Spiegel-Affäre tat dieser Entwicklung keinen Abbruch. Wegen des kritischen NATO-Artikels „Bedingt abwehrbereit“ wurde auch Jacobi neben Augstein und dem Autor Konrad Ahlers für kurze Zeit verhaftet.

Die Redaktion war von Jacobis Kurs jedoch weniger begeistert. Sie distanzierte sich während der Jugend-Rebellion vom 1968 immer stärker von Jacobi und nahm auch eine kritische Haltung gegenüber Augstein ein. Der mächtige Herausgeber begann nach einem neuen Chefredakteur zu suchen und fand ihn 1969 in dem eher linksgestrickten Günther Gaus, der Jacobi ablöste. Die Spiegel-Welt war nun wieder in Ordnung.

Jacobi wechselte nun zu dem ihm näher stehenden Axel Springer und übernahm kurze Zeit später die Chefredaktion der Welt am Sonntag. Der Springer-Verlag blieb bis zum Ende seine berufliche Heimat, zwischendurch auch als Redaktionsdirektor der Bild-Zeitung und schließlich als Bild-Autor. Seinen Respekt vor Springer zeichnete Jacobi vor wenigen Jahren noch in einer Springer-Biographie auf, ein Buch, dem aber kein großer Erfolg beschieden war.

Den Höhepunkt seines Talents als Blattmacher hatte Jacobi trotz der allmählichen Entfremdung zwischen ihm und Augstein als Chefredakteur des Spiegel erreicht. Er sah Augsteins Rolle durchaus kritisch, hat ihm aber die Trennung nie nachgetragen wie ich in langen Gesprächen mit ihm bei den Recherchen für eine Augstein-Biographie feststellen konnte.

Entfremdung vom Spiegel

Augsteins journalistische Leistung hat er immer fair betrachtet. Der Unterschied zwischen beiden lag in der Politik, nicht im Stil. Als Chefredakteur des Herausgebers hatte Jacobi nur geliehene Macht, aber die hat er genossen und damit auch zu seiner Entfremdung mit der Spiegel-Redaktion beigetragen. Dennoch wird diese Periode in der Karriere des Journalisten Claus Jacobi am stärksten in Erinnerung bleiben.

In der Nacht zum Samstag ist der große deutsche Publizist Claus Jacobi im Alter von 86 Jahren in Hamburg verstorben.