Amos Klausner war ein entschiedener Mann. Ich sage das nicht, weil ich ihn kannte. Ich gebe den Eindruck eines Lesers wieder. Früh – er war wohl fünfzehn Jahre alt – entschied er sich, kein Intellektueller zu werden. Seine Eltern waren es. Polyglott in einem halben bis zu einem Dutzend Sprachen parlierend. Amos Klausner entschied sich für den zionistischen Sozialismus und ging in einen Kibbuz. Er legte seinen Nachnamen, den einer berühmten Gelehrtenfamilie, ab und gab sich einen neuen: Oz. Das heißt der Starke. Das war Mitte der 50er-Jahre. Zweieinhalb Jahre nach dem Selbstmord seiner Mutter.

Israel als Alternative zum Kapitalismus

Amos Klausner war nicht mehr. Er hatte einen Entwurf von sich gemacht. Es war der Entwurf eines Menschen, der kein Opfer mehr sein wollte, einer, der entschlossen war, eine neue Welt aufzubauen, in der die Juden einen eigenen Staat hatten, der anders sein würde als alle anderen Staaten auf der Welt.

Mein Onkel, ein linker Sozialdemokrat, zehn Jahre älter als Amos Oz, erzählte mir oft, warum ihn Israel in den 50er- und frühen 60er-Jahren so fasziniert hatte. Er war mit den Falken ein paar Mal dort gewesen: „Es war eine Alternative zum Kapitalismus und zu dem, was sie im Osten Sozialismus nannten. Die Sowjetunion hasste Israel, weil man dort zeigte, dass Sozialismus, wirklicher Sozialismus, möglich war.“ Die ersten Buchhonorare des Amos Oz, auch die seines internationalen Bestsellers „Mein Michael“ (1968) – sein zweiter Roman – füllten die Kasse seines Kibbuz.

So war einmal Israel. Das ist die Welt, aus der Amos Oz kommt. Aber man darf sich das nicht so vorstellen, als sei Amos Oz ein Relikt gewesen, ein Überlebender aus den Gründerjahren des Staates Israel.

Ein entschiedener Mann

Oz war ein entschiedener Mann. Er hatte in den Kriegen von 1967 und 1973 als Panzersoldat gekämpft. Er untersuchte die Lage und bezog Stellung. Er tat das immer wieder. Er hielt fest an seinem Entschluss, kein Opfer zu sein. Die Wandlung Israels vollzog er mit. Er verließ den Kibbuz, wurde Schriftsteller und Essayist.

Er betrachtete seine Umgebung und sich. Immer beides und immer fähig, ein klares, deutliches Urteil abzugeben. Gleichzeitig aber stand er – so kommt es jedenfalls dem fernen Leser vor – immer auch neben sich, dem Entschiedenen, und stellte infrage, was er dachte und was er tat. Amos Oz war ein entschiedener Mann auch darin, dass er fähig war, sich entschieden infrage zu stellen.

Wikipedia zitiert ihn mit diesen Sätzen: „Das Konzept von Zivilisationen, die über ihren Territorien Fahnen flattern lassen, kommt mir archaisch und mörderisch vor. In der Hinsicht haben wir Juden jahrtausendelang vorgeführt, was ich gerne als die nächste Phase der Geschichte sähe: eine Zivilisation ohne territoriale Grenzen, beziehungsweise zweihundert Zivilisationen ohne einen einzigen Nationalstaat. Aber als Jude kann ich mir solche Illusionen nicht mehr leisten. Ich habe zwei Jahrtausende ein Beispiel gegeben, doch niemand folgte.“

Überblick und Einblick

Das ist die unerschütterliche Klugheit, die glückliche Kombination von Utopie und Realismus, die die „Stärke“ des Amos Oz ausmachte. Dieses Beispiel gab er 79 Jahre und ich sehe niemanden, der ihm darin folgt.

Dass er immer, noch in den kleinsten Nuancen, auch den Gegengedanken denken konnte, darin lag die „Stärke“ des Amos Oz. Sie ist bei ihm eins mit der des Erzählers. Vor knapp zehn Jahren erschienen bei Suhrkamp in einem Band von mehr als 2500 Seiten seine großen Romane.

Wer sie las, versank darin und bekam gleichzeitig Überblick und Einblick. Dass so etwas möglich ist, ist eine beglückende Erfahrung. Das Versinken war einem als Kind leichter gefallen. Bei Amos Oz versank man wieder, ohne dümmer zu werden dabei. Jeder weiß, dass er meist, was er an Übersicht gewinnt, an Einsicht verliert. Die Übersicht wird mit großen Begriffen hergestellt, die Einsicht folgt leicht zu übersehenden Details, geht einem unübersichtlichen Geflecht von Empfindungen nach. Sie betrachtet, wie wir uns mit- und gegeneinander bewegen, wie wir, oft ohne es zu bemerken, auf einander einwirken. Man muss sehr genau hinsehen. Dafür muss man den weiteren Kontext auch einmal aus den Augen verlieren. Sonst sieht man das Detail nicht.

Ein Stück des Autors in seinen Werken

Amos Oz’ Augen, auch seine Ohren, hatten die Begabung, Vorder- und Hintergrund scharfstellen zu können. Das darf man nicht gleichzeitig tun. Darum braucht man auch, will man beide im Auge haben, ein gut funktionierendes Gedächtnis.

Ich bin kein Amos-Oz-Philologe. Ich weiß also nicht zu sagen, wie viele Personen in seinen Büchern auftreten, wer alles davon ein Alter Ego des Erzählers ist, aber ich bilde mir zu wissen ein, dass dieser Grad an belebter Konkretion nur möglich ist, wenn jede der auftretenden Personen auch ein Stück des Autors ist.

Die Kraft des Essayisten, immer auch den Gegengedanken denken zu können, kommt vom Erzähler, der alle seine Gestalten nicht nur beschreibt. Er ist auch eine jede von ihnen. Darum wohl nannte Amos Oz seine Autobiografie „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ wohl auch einen Roman. Das Buch ist einer der großen Romane der Weltliteratur des beginnenden 21. Jahrhunderts. Er ist es, weil außen und innen, weil die Menschen und die Welt mit gleicher Eindringlichkeit dem Leser vor die Augen gestellt werden.

Heraus aus dem Verstummen

Das trifft die Kraft von Amos Oz’ schreiben nicht wirklich. Der Leser blickt von Außen auf die Figuren. Zugleich aber erblickt er die Welt durch sie hindurch. Eine beglückende Erfahrung? Eine verwirrende, eine, die die Gewissheiten, in denen zu leben wir uns angewöhnt haben, immer wieder zerstört. Gleichzeitig aber sind wir aufgehoben im Strom einer Erzählung, in der Gewissheit, dass durch Liebe und Finsternis hindurch das Leben weitergeht.

Es ist die Erfahrung eines Mannes, dessen Eltern die Flucht aus der Vernichtung gelang, die aber darum noch lange keine Geretteten waren. Diese Erfahrung nimmt einem die Kraft, über sie zu sprechen. Sie lässt einen verstummen. Man erzählt den Kindern nicht, was einem passiert ist. Amos Oz ist auch darum ein solcher Glücksfall, weil es ihm gelang, aus diesem Verstummen herauszukommen.

Er fand die Worte. Ich weiß nicht wo und unter welchen Schmerzen. Er fand dann auch noch die Stärke, anderen aus ihrer Wortlosigkeit zu helfen. Seine Erfahrung als Jude, als Jude, der die 2000 Jahre Vorbild und die Aussichtslosigkeit dieser Situation verinnerlicht hatte, konnte er benutzen, um zu begreifen, was den Palästinensern passierte, wenn man ihnen ihr Land wegnimmt.

Er war ein Zionist, weil er durchdrungen war von der Überzeugung, anders war das jüdische Volk nicht zu retten. Aber er wusste auch, dass eine Rettung auf Kosten der Vernichtung anderer keine Rettung sein würde. Also trat er auch noch in den verzweifeltesten Situationen für eine Zwei-Staaten-Lösung ein.

Ich weiß nicht, wie er zuletzt auf Israel und Israels Zukunft schaute. Aber ich nehme an, dass er hinausgerissen wurde aus dem Kampf von Gedanken und Gegengedanken.

Wer die letzten Seiten von „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ liest, der ist dabei, wie der Ich-Erzähler seine Mutter umbringt und vor dem Selbstmord bewahrt. Er ist ihr Retter und er ist ihr Untergang. Das Buch, das Schreiben ist ein Versuch, sie wieder zum Leben zu erwecken.