Berlin - Das Theater hat mit Thomas Langhoff einen Vater und einen Sohn verloren. Der Regisseur und ehemalige Intendant des Deutschen Theaters ist am Samstag nach langer Krankheit in Berlin gestorben. Er wurde 73 Jahre alt. Die lebendige Liebe zum Theater ist ihm bis zu seinem Tod nicht ausgegangen. Möglicherweise wuchs sie sogar noch. Jung war diese Liebe, denn spät hat Langhoff sie entdeckt und vorsichtig hat er sich auf sie eingelassen; von bedingungsloser Hingabe konnte bis zuletzt nicht die Rede sein, dazu waren zu viel Humor und Leichtigkeit im Spiel. Langhoff hat das Theater lange als Hobby betrachtet und sich Notausgänge offen gehalten, erzählte er vor drei Jahren und fügte hinzu: "Jetzt, im frühen Alter von fast siebzig Jahren, muss ich feststellen, dass meine Verankerung im Theater nicht mehr zu lösen ist. Das geht nicht mehr."

Thomas Langhoff kam 1938 in Zürich zur Welt. Sein Vater, der Kommunist Wolfgang Langhoff, war einer der ersten, den die Nazis ins KZ gesteckt hatten. 1934 konnte der Schauspieler in die Schweiz fliehen; er kam zum Ensemble des Zürcher Schauspielhauses, dem von Oskar Wälterlin geleiteten Sammelpunkt des deutschen Exil-Theaters. Hier spielte man jene Autoren, deren Werke die Nazis verbrannten: Brecht, Lasker-Schüler, Horvàth.

In Ungnade

Viel wird das Kind Thomas davon noch nicht mitbekommen haben, wohl aber von der Rückkehr aus dem Exil. Wolfgang Langhoff wurde jetzt beim Aufbau des Sozialismus gebraucht. 1946 kam er als Intendant ans Deutsche Theater in den sowjetischen Sektor des kriegszerstörten Berlins. Wolfgang Langhoff entnazifizierte das Haus und gab ihm seine Bedeutung zurück, bis er 1963 Peter Hacks’ "Die Sorgen und die Macht" inszenierte, in Ungnade bei den Genossen fiel, diffamiert wurde und - nach einer herzzerknirschenden Selbstkritik - zurücktrat. Kurz danach starb Wolfgang Langhoff 64-jährig. Thomas Langhoff war damals 28 Jahre alt - noch ein Vierteljahrhundert sollte vergehen bis zum nächsten gesellschaftlichen Umbruch, bis das Deutsche Theater wieder reif für einen Retter war, für den nächsten Langhoff.

Wolfgang Langhoff hat sich bis zuletzt nicht erlaubt, Zweifel an der Partei zu äußern; der Einzelne habe sich unterzuordnen, gegebenenfalls zu opfern. Thomas Langhoff nannte das "religiös" und glaubte nicht daran. Gleichwohl hatte das Vaterwort Macht über ihn. Thomas Langhoff, der nach dem Theaterstudium in Leipzig als Schauspieler in Borna und Brandenburg engagiert war, kam ans Hans-Otto-Theater nach Potsdam und wagte dort seine ersten Regieversuche. Er arbeitete damals mit Jürgen Gosch zusammen; die beiden träumten den in der DDR unerfüllbaren Traum von einer freien Theatergruppe. Damals, der Vater lebte noch, kam es zu der von Thomas Langhoff so genannten "Clavigo-Zerschmetterung". Wolfgang Langhoff zerpflückte die Goethe-Inszenierung seines Sohnes während der gesamten Autofahrt von Potsdam nach Berlin. Die Wirkung auf den ohnehin von Selbstzweifeln nicht freien Sohn, dessen drei Jahre jüngerer Bruder Matthias Langhoff zu dieser Zeit bereits mit Manfred Karge am Berliner Ensemble und ab 1969 an der Volksbühne für Furore sorgte, war "zerstörerisch", so Thomas Langhoff. "Da wusste ich: Ich bin kein Regisseur."

Doch so zerstörerisch konnte es nun auch wieder nicht gewesen sein, denn Thomas Langhoff kehrte dem Theater zwar den Rücken zu. Aber er begann eine Karriere als Fernsehregisseur und legte ein paar von heute aus betrachtet unerhört experimentelle und kritische Arbeiten hin, etwa "Die Befragung der Anna O." (mit Jutta Wachowiak und Jürgen Gosch) oder "Ich will nicht leise sterben" (mit Lotte Loebinger, Jürgen Gosch und Jürgen Holtz). Später folgten qualitätsvolle Literaturverfilmungen von Fontane, Goethe, Maxie Wander bis zuletzt zu Hauptmanns "Biberpelz" (1994).