Ernesto Cardenal (1925–2020) anlässlich einer Lesung in Tübingen.
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BerlinIm Jahr 1995 war der Befreiungstheologie und Universums-Sänger Ernesto Cardenal in Berlin. In einem Interview in der Berliner Zeitung erklärte er damals: „Ich bin weder als Geistlicher noch als Revolutionär zur Welt gekommen – als Dichter schon.“ Begonnen hatte der am 20. Januar 1925 in Granada in Nicaragua geborene Ernesto Cardenal mit begeisterten Liebesgedichten. Danach kamen die Gesänge der enttäuschten Liebe.

Nach und nach besang er alles und immer wieder auch immer neue Enttäuschungen. Der langjährige – von 1979 bis 1987 – Kulturminister des von den revolutionären Sandinistas regierten Nicaraguas sagte sich von ihnen los.

Sein Leitsatz: „Jesus wird nicht leben, wenn Marx nicht aufersteht“

Niemals aber sagte er sich los von Jesus und niemals von der Revolution. Von seinem Jesus und seiner Revolution. Heiner Müller formulierte 1995 in seiner Rede an und für Ernesto Cardenal dessen Glaubensbekenntnis: „Von Norbert Blüm kennen wir den geistvollen Satz: ‚Jesus lebt. Marx ist tot. Das Leben und die Arbeit von Ernesto Cardenal als Priester, Dichter, Revolutionär, auch als Kulturminister der sandinistischen Regierung steht für einen anderen Satz, den man vielleicht so formulieren könnte, dass Jesus nicht leben wird, wenn Marx nicht aufersteht.“

1995 war Cardenal nach Berlin gekommen, um seine Berliner Lektion zu halten. Ihr Titel war „Wir sind Sternenstaub“. Die Lektion war im Wesentlichen eine Prosafassung seines 1989 erstmals veröffentlichten Cántico cósmico“ („Gesänge des Universums“), der 1992 in zwei Bänden auch auf Deutsch erschienen war. Wie fast alles von ihm auch das im Hammer-Verlag in Wuppertal.

Thomas Merton war sein „geistlicher Vater“

1957 war Ernesto Cardenal in ein Trappistenkloster in Kentucky eingetreten. Dort lernte er den Mönch und Bestsellerautor Thomas Merton kennen, sein „geistlicher Vater“, wie er ihn nannte. 1965 wurde Cardenal in Managua zum Priester geweiht. Noch im selben Jahr gründete er in Solentiname eine Gemeinschaft, die versuchte, eine christliche Utopie zu leben.

1971 verließ er Solentiname, besuchte Salvador Allende in Chile und schloss sich dann den bewaffnneten Kämpfern in Nicaragua, den Sandinistas, an. 1980 erhielt Ernesto Cardenal den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 1984 entzog Papst Johannes Paul II. ihm die priesterliche Aufgabe, die Sakramente auszuteilen. Am 17. Februar 2019 widerrief Papst Franziskus diesen Beschluss.

Eine übergangslose Verbindung von göttlicher Botschaft und politischer Arbeit

Fünfundneunzig Jahre alt wurde Ernesto Cardenal. Er ragte aus fernsten Zeiten hinein in unsere Gegenwart. Die Vorstellung von einem von bärtigen, bewaffneten Kämpfern herzustellenden neuen Himmel und einer neuen Erde ist uns nur noch geläufig von den Predigern eines Islamischen Staates.

Dass vor fünfzig Jahren in ganz Lateinamerika und nicht nur dort eine Befreiungstheologie gepredigt wurde, auf deren Tagesordnung der Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung und die Herstellung einer von ihnen befreiten Gesellschaft stand, das ist aus dem öffentlichen Bewusstsein nicht verschwunden, sondern getilgt worden.

Begonnen hatte der am 20. Januar 1925 in Granada in Nicaragua geborene Ernesto Cardenal mit begeisterten Liebesgedichten. Danach kamen die Gesänge der enttäuschten Liebe.
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Als der großartige chilenische Autor Roberto Bolaño (1953–2003) Ernesto Cardenal einen „Verrückten“ nannte, da wird dessen übergangslose Verbindung von göttlicher Botschaft und politischer Arbeit wohl auch eine Rolle gespielt haben. Aber vor allem wird Bolaño Cardenals Pathos, seine Neigung zur hemmungslosen Begeisterung im Auge gehabt haben.

Dass 1989 Cardenals „Cántico cósmico“ erschien, kann man, muss man wohl symbolisch lesen. Die Mauer fiel und mit ihr das sowjetische Weltreich und damit der zentrale Antipode zur kapitalistischen Welt. Ernesto Cardenal wandte sich damals dem Weltall zu und der Eingebundenheit der Menschheit in das kosmische Geschehen.

Mit viel Schmackes beschwört er apokalyptische Feuer

Die Probleme des Sozialismus, die sich als unlösbar herausgestellt hatten, wurden nicht beiseite geschoben, aber doch so etwas wie Nippesfiguren in einem unendlich viel größeren Universum, das in Wahrheit eine unendliche Folge von Universen war. Cardenal floh vor den Riesen, die ihn zu überwältigen drohten, zu noch größeren. War es eine Flucht oder suchte der größte trappistische Sänger nach immer gigantischeren Stoffen, deren beängstigende Erhabenheit er besang wie andere pfeifen, wenn sie hinunter in dunkle Keller gehen.

Seinem ergriffenen Berliner Publikum erklärte Cardenal 1995, Berlin stehe auf Kieselalgenerde, werde sie gemahlen und mit Nitroglyzerin gemischt, entstehe Dynamit. Der Untergang ist Bestandteil der Schöpfung. Alles Neue ruft „Macht Platz!“ Schon in seinem Gesang „Auferstehung für die Völker“, der mit der Apokalypse begann, hieß es: „Und der erste Engel blies die Alarmsirene/ und es regte vom Himmel Strontium 90/ Zäsium 137/ Kohle 14/ und der zweite Engel blies die Sirene/ und jedes Trommelfell platzte im Umkreis von 300 Meilen/ durch das Krachen der Explosion/ und jede Netzhaut verbrannte auf die das Licht der Explosion gefallen war im Umkreis von 300 Meilen/ die Hitze im Zentrum war die der Sonne/ und der Stahl das Eisen das Glas der Beton verdampften/ und fielen nieder verwandelt in radioaktiven Regen/ und ein Sturm brach los mit der Stärke des Hurrican Flora/ und drei Millionen Autos zerschellten an den Gebäuden explodierten wie Molotow-Cocktails/ und der dritte Engel blies die Alarmsirene/ und ich sah einen Pilz über New York/ einen Pilz über Moskau/ einen Pilz über London/ einen Pilz über Peking/ (Und Hiroshimas Schicksal war zu beneiden)...“

Jeder Journalist weiß, dass dieses Zitat viel zu umfangreich ist. Aber, falls Sie es übersprungen haben, gehen Sie zurück! Lesen Sie es! Sie sehen den Verrückten, den Bolaño sah und sie sehen, wie er sich hineinsteigert in seine Schilderung einer Orgie der Zerstörung. Wie harmlos sie beginnt mit ein paar geplatzten Trommelfellen und wie sie dann hochgefahren wird von einem Meister der sich immer weiter übersteigernden Rede, zur Weltvernichtung. Man sieht auch, mit wie viel Schmackes der große Sänger der Liebe – so beschrieb ihn Dorothee Sölle – apokalyptische Feuer beschwört.

Ohne den Glauben an Gott und sein Auferstehungswerk, wäre Ernesto Cardenal kein Revolutionär, ein begeisterter Parteigänger  der Zerstörung, gewesen.

Die Idee der Auferstehung trieb ihn an

„Auferstehung für die Völker“ heißt das Gedicht. Bis zum Ende glaubte Ernesto Cardenal an sie. Und an die eigene. Er war katholisch, was sollte er sonst tun? Könnte man fragen, wenn man nicht gerade gesehen hätte, wie sehr Cardenal angewiesen war auf die Idee der Auferstehung.

Erst sie gab ihm die Freiheit, sich mit dem erforderlichen Enthusiasmus auf die Beschreibung der Vernichtung einzulassen. Ohne den Glauben an die Auferstehung hätte er nicht so schwungvoll einfach mal so die Welt zerstört. Und sei es nur in Worten. Wenn es aber keine Auferstehung geben sollte? Dann bleibt nur die vernichtete Erde. Dann gibt es keinen neuen Himmel und keine neue Erde. Dann ist die Apokalypse das letzte Wort über die Welt.

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Ohne den Glauben an Gott und sein Auferstehungswerk wäre Ernesto Cardenal kein Revolutionär, ein Parteigänger der Zerstörung, gewesen. Nur wer davon überzeugt ist, dass er selbst das letzte Wort nicht hat, kann so laut brüllen, wie Ernesto Cardenal es tat.

„Heute reden die Physiker wie die Mystiker“ erklärte Ernesto Cardenal im „Cántico cosmico“. Recht hatte er. Recht hatte er auch, dass eine Dichtung, die nichts macht als von Liebe und Liebesleid, von Männern und Frauen, von Menschen zu reden, possierlich wirkt angesichts dessen, was wir alles wissen – oder zu wissen glauben – über auseinandertreibende Galaxien, über dunkle Materie, über Hintergrundstrahlung und das Alter des Universums.

Ohne Größenwahn ging es nicht

Man mag Cardenal als Größenwahnsinnigen betrachten, aber ohne Größenwahn hat noch niemand etwas zustande gebracht. Ganz abgesehen davon scheint der Größenwahn angesichts des Umfangs und der Lebensdauer auch nur dieses einen Universums, hinter und in dem womöglich noch Milliarden andere lauern, die einzig angemessene Haltung.

Die flotte Verbindung modernster Kosmologie mit theologischen Vorstellungen, wie sie vor 2000 Jahren in einem entlegenen Winkel Vorderasiens entwickelt wurden, erfreut natürlich auch die Liebhaber unfreiwilliger Komik.