Berlin - Auf einem Neujahrsbild von 1991 tobt ein verwundeter Stier in der Arena. In unheilvoller Schwärze wird Gefühl zu Farbe und Form. Vergeblicher Lebenskampf, Flächen, Linien bilden einen Kraftstrom. Gelb, Ocker, Türkis, Königsblau, Zinnoberrot und schwefliges Grün sinken in die Schwärze des Todes.

Das wirkt dramatisch, auch metaphorisch und existenziell. Für Heinrich Tessmer, den zurückhaltenden Maler aus Pankow, war es nicht Illustration eines Dramas, sondern malerische Kraftprobe – allein für eine Bildwirkung, die nicht Realität, aber Erinnerung und Visionäres bündeln sollte.

Er fiel mit seiner expressiven Bildfantasie also völlig aus dem Rahmen der sogenannten, nie als wirkliche Stilrichtung ausgeprägten Berliner Schule. Sie passte auch nicht in die Formvorstellungen der DDR-Kulturfunktionäre. Nach 1990 wurden Sammler im Westen auf ihn aufmerksam und entdeckten, etwa in Ausstellungen der Berliner Galerie Leo.Coppi, Tessmers eigenwillige Malqualität.

Beide Galeristinnen teilten am Mittwoch mit, dass der Künstler am Montag, den 9. Januar, nach kurzer schwerer Krankheit 68-jährig gestorben ist. Sein Nachlass – sofern nicht in Kollektionen der Berlinischen Galerie, der Aachener Sammlung Ludwig sowie in Russland, Luxemburg und der Schweiz befindlich, lagert nun in seinem Atelier in Pankow, wo er mit seiner Familie im ehemaligen Atelierhaus des Malers Heinrich Ehmsen lebte.

Tessmers Malgestik mischte das Expressive immer ein wenig feierlich-italienisch-altmeisterlich von innen, ließ es aus dem Dunkel aufleuchten. Unübersehbar war die Affinität zu dem rumänischen Nachkriegs-Maler Corneliu Baba und zu Francis Bacon.

Solche Inspiration bewirkte bei Tessmer rätselhafte, auf uralte Mythen abhebende, von Geschlechterspannung durchdrungene, namenlose Männer-und Frauen-Porträts, anonyme Reitergestalten. Kriegermasken, Hundemotive, biblische Szenen, in denen die Dargestellten stets als Zweifler daherkommen. Und die Landschaften, atlantische, mediterrane, werden zu hartkontrastierenden Farb- oder schwarzen Tusch-Feldern, wie aus dem Flugzeug gesehen.

Heinrich Tessmer, geboren 1943 im Chemnitzer Stadtteil Rottluff, ist als junger Mann dem „Brücke“-Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff begegnet, der aus Berlin zu Besuch in der alten Heimat war. Später, in den Sechzigern, als schon die Mauer stand, ging auch Tessmer, der Gärtnersohn, nach Berlin. Er studierte an der Kunsthochschule Weißensee bei Arno Mohr, Walter Womacka und Kurt Robbel. Von 1984 bis 1990 lehrte er selbst an dieser Schule.

Bis zuletzt kreisten seine Malthemen um Stoffe, die Ambivalentes, Unergründliches, sich Veränderndes und Konfliktbeladenes reflektieren. Damit werden die Gemälde zu farbstarken Gleichnissen etwa für das Verhältnis Individuum-Gesellschaft. „Ich erschaffe mir, notierte er, „eine Welt, die ich in der Realität so nicht vorfinde, und ich arbeite mich oft in eine vergangene Zeit hinein.“