Er hat das außerordentliche Erbe nicht nur verwaltet. Ein Erbe, das seine Konjunkturen hatte. Bahnbrechende Aufstiege, massive Abstiege. Alles hat seine Zeit, heroisch aber waren die Anfänge, Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre, als das sagenhafte Sechsergespann auf den verwegensten Live-Bühnen der USA herumgereicht wurde: die Allman Brothers Band. Für die Schriftgelehrten des Bluesrock spielte keine Band live intensiver.

„All Men Brothers“, ja, diese Botschaft schwang mit beim Kommunarden Gregg Allman, der bei seinen Konzerten, wie auf Videos zu sehen, ein Kreuz auf der Brust trug, und der, wenn die Stunde der brodelnden Klage gekommen war, das Zeichen gab für den Titel „My cross to bear“: Jeder hat sein Kreuz zu tragen. So nannte Gregg Allman, der am Samstag im Alter von 69 Jahren gestorben ist, auch seine Autobiografie.

Dann eben die Orgel

Gregg Allman hat seine außerordentliche Begabung in die Dienst der Ausnahmeerscheinungen gestellt. Schon als Jugendlicher sah er ein, dass sein Bruder ihm an der Gitarre so viel voraus hatte, dass er das Gitarrenspiel nicht aufgab, aber die Orgel zu seinem Soloinstrument erkor. Gregg war es, der die Band zusammenhielt, als Bruder Duane und der Bassist Berry Oakley binnen eines Jahres bei Motorradunfällen ums Leben kamen.

Band-Gründer Gregg war es, der am Überleben zäh festhielt. Nicht locker ließ er bei den zahlreichen Revivals der Band, in nicht nur glücklichen Formationen, bis er in den 1990ern wahrhaftig neue Allman Brothers zusammen hatte.

Wortloser Schmerz

Wieder seufzte der Schmerz wortlos, denn für das Klagen waren die beiden Gitarren zuständig, zwei Virtuosen, Warren Haynes und Derek Trucks. Soli am Siedepunkt, als gäbe es kein Morgen, was sich leicht sagt. Denn gab es einen? Gregg, an der Orgel, unterfütterte unerbittlich die Aufsässigkeit, so auch auf seinen Soloalben, „I’m no Angel“. Das war er nicht.

Überleben. Auch als kranker Mann, denn jahrelang alkoholsüchtig und drogenabhängig, machte ihm schließlich eine Hepatitis-C-Erkrankung böse zu schaffen. Schon die Lebertransplantation, 2010, wurde von den Fans als ein Vorzeichen auf das Ende auf der Bühne gedeutet. Dem sich Gregg Allman entgegenstemmte. 2013 gingen die Allman Brothers noch einmal auf Tournee. Mindestens Straßenbahngesprächsstoff seitdem.

Tief geerdet war die Schwermut des Gregg Allman. Sein heller Klagegesang, immer auch ein wenig näselnd, suchte Trost in anderen, lichteren Gefilden. Glück war ein seltenes Privileg. Kaum ein Stück gelang den Allman Brothers so unbeschwert wie „Jessica“. Wie aufsässig exponierte sich der Bluesrock. Dionysischer Trotz, unmittelbar nach dem Tod des Bruders. 

Vom Ende her gedacht

Im Grunde ist das, was die Allman Brothers mit vollen Händen gaben (zwei Gitarrenvirtuosen, zwei Schlagzeuger, ein Bassist und Gregg an der Orgel) immerzu von einem tragischen Ende her gedacht worden. Im Allman-Brothers-Blues wurde eigensinnig in kleine Ewigkeiten ausgegriffen, 20 Minuten bei „In Memory of Elizabeth Reed“, mehr als 35 Minuten lang im „Mountain Jam“.

An bockbeinigem Blues wurde energisch festgehalten. Griff er zur Gitarre, war es die akustische. An der Orgel war sein sämiges Spiel oft das Widerlager zu den flirrenden Räuschen der Gitarrenhelden. Gregg Allman war nicht der Heros, aber der Wagenlenker des titanisch guten Sechsergespanns aus den Südstaaten.