Der Historiker und Kunsthistoriker Hans-Ernst Mittig ist, wie die Berliner Zeitung aus Freundeskreisen erfuhr, am 10. Oktober nach längerer Krankheit im Alter von 81 Jahren verstorben. Tief hat er seit den frühen 1970er-Jahren jene selbstkritisch reflektierte bundesdeutsche Erinnerungskultur geprägt, die international als Vorbild gilt und auf die inzwischen sogar jene Konservativen stolz sind, die sie über Jahrzehnte als „links“ diffamierten.

Mittig liebte die offene Redeschlacht, sei es über die Neue Wache, die Kunst im öffentlichen Raum, das Holocaust-Denkmal, aber auch das bis ins kleine Skulpturendetail genaue Forschen über die Denkmal- und Erinnerungskulturen und die Künste im 19. und 20. Jahrhundert.

1972 hielt er einen Vortrag über Albert Speers Berliner Straßenlaternen und löste einen damals radikal neuen Umgang mit dem Erbe der Nazi-Zeit aus. Nicht mehr verdrängen, sondern kritisch erinnern, nicht mehr ignorieren, sondern offen hinsehen war Mittig Methode. Auch wenn es nicht angenehm ist.

Dass die Lampen Speers bis heute an der Straße des 17. Juni stehen, sich dort die Erinnerungen an die Kaiserzeit, an Hitlers Planungen der gigantischen Welthauptstadt Germania, an die Eroberung Berlins durch die Rote Armee, an den Arbeiteraufstand 1953 in der DDR, an die Nächte des 9. November 1989 und des 3. Oktober 1990, inzwischen auch manche Fußballnacht überlagern können, das ist auch Mittig und seinen vielen Schülern in der Wissenschaft und Denkmalpflege zu verdanken.

Darf man NS-Kunst ausstellen?

„Affirmation war ihm zuwider“, erinnerte sich die Berliner Denkmalpflegerin Gabi Dolff-Bonekämpfer an den 1933 in Hamburg geborenen. Die harten Debatten etwa mit dem Historiker Wolfgang Benz, wie man sich „Nazi-Kunst“ nähern könne, ohne gleichzeitig die Werke der Speer, Breker oder Ziegler moralisch oder ästhetisch zu rehabilitieren, sind legendär. Darf man sie überhaupt ausstellen? Diese immer wieder gestellte ängstliche Frage beantwortete Mittig ganz klar: Man darf nicht nur, man muss. Aber die Kunst der NS-Zeit bedarf des Kommentars, um als Zeuge der Geschichte verstanden, um eingeordnet werden zu können.

Mittig war ganz klar ein 68er. Auch marxistisch gelehrt, aber ohne sozialistischen Allerklärungsanspruch. Als der Verband Deutscher Kunsthistoriker 1968 so gar nichtauf die Umbrüche in der Gesellschaft reagierte, stand die Unterschrift des gerade erst promovierten Mittig als erste unter dem Aufruf zur Gründung des oppositionellen Ulmer Vereins. Dass Mittig, der zuerst Jura studiert hatte, 1974 Professor für Kunstgeschichte „nur“ an der Pädagogischen Hochschule West-Berlins wurde, bis zur Emeritierung 1997 an ihrer Nachfolgerin, der Hochschule der Künste lehrte, nie an einen der „großen“ Lehrstühle abberufen wurde, zeigt, wie anstößig bei den Hierarchen seine Thesen waren.

Wie anstößig sie heute noch sind, zeigt sein am Tag vor dem Tod, am 9. Oktober, erschienener Text zum geplanten Einheits- und Freiheitsdenkmal auf dem Berliner Schlossplatz. Abgesehen davon, dass Mittig darin die Mär der Bauverwaltung, der Architekten und der Denkmalfans zerstört, man habe ja gar nicht gewusst, dass die Mosaiken des einstigen Kaiserdenkmals noch so weitgehend erhalten sind – man hat es seit mindestens 2009 systematisch ignoriert – plädierte er wieder einmal vehement dagegen, historische Schichten auszuradieren, nur, um ein nett blitzendes Vergangenheitsideal zu inszenieren. Mittigs Erbe wird uns noch lange zu denken geben.