Berlin - Hellmuth Karasek hat viele Leben gelebt. Er hat das lustvoll getan. Jedenfalls verstand er wie wenige andere, diesen Eindruck zu vermitteln. Er mochte es, die großen Autoren, die schönen Schauspielerinnen, die strengen Regisseure zu kennen. Wenn er von Fritz Kortner sprach, wurde ich neidisch, dass ich ihn nicht kennen gelernt hatte. Neid scheint Karasek fremd gewesen zu sein. Das hing wohl damit zusammen, dass er fand, aus seinem Vorrat an Gaben das Beste herausgeholt zu haben.

Karasek war kein brillanter Schreiber. Er war kein scharfsinniger Kopf. Er war witzig. Vor allem aber war er klug. So klug, dass er wusste, wo er sich zurückziehen musste und wo er glänzen konnte. Er hatte keine Schwierigkeiten damit, anderen den Vortritt zu lassen. Er liebte zu lieben. Und er war treu. Billy Wilder zum Beispiel. Gibt es auch nur eine einzige Bemerkung von Karasek, die darauf schließen lässt, er habe Billy Wilder nicht nur für ein Genie gehalten? Spricht er irgendwo über Längen und Klischees bei Billy Wilder?

Hellmuth Karasek hatte als Theaterkritiker der Zeit sich eingesetzt für die damalige Moderne. Für Peter Stein, Peter Zadek, Klaus Peymann. Er war einer der besten, einer der effektivsten  Trompeter der neuen Hochkultur. Natürlich war er nicht so gut wie Joachim Kaiser, so brillant wie F.J. Raddatz. Aber er verstand sich auf den Zugang zum Machthaber. Dass ausgerechnet Hellmuth Karasek Kulturchef des Spiegel wurde hatte aber noch mit etwas anderem zu tun: Karasek war frei vom Hochmut vieler Propagandisten der Hochkultur. Für ihn konnte ein Koch ein Künstler sein und so sehr er sich auf die kritische Avantgarde der 60er Jahre verstand, so sehr schätzte er auch traditionellen Spieler. Er wusste auch noch in den Schmierenkomödien die schlechten von den guten zu unterscheiden.

Es ist eine hohe Begabung, sich an der Qualität erfreuen zu können, wo immer man auf sie stößt. Sich von den jeweils herrschenden Konventionen nicht die Augen verstopfen, den Kopf  zurechtrücken zu lassen. Fähig zu sein, den Moden zu folgen und gleichzeitig es nicht zu tun.

Bei Karasek lief das darauf hinaus, auch in Inszenierungen des leisen  Rudolf Noelte Elemente von exhibitionistischem  Showbiz zu sehen und im Showbiz das Menschliche. Wer darin nichts erkennt als Schwäche, der wird blind sein für Karaseks Qualitäten. Hellmuth Karasek war ein E-Feuilletonist, der niemals vergaß, dass es immer auch um U ging. Die strikte Unterscheidung von Ernst und Unterhaltung war seine Sache nicht. Niemals gewesen.

Als mit der Einführung des Privatfernsehens die Rolle des U immer größer wurde, als aus der Kultur- eine Unterhaltungsindustrie geworden war, da war Hellmuth Karasek einer der wenigen Feuilletonisten, die davon nicht auf dem falschen Fuß erwischt wurden, sondern erleichtert aufatmeten, endlich ihre beiden Beine benutzen zu dürfen.

Allerdings war er da schon sechzig und seine Witze eher noch älter. Auch sein Ernst lugte hinter den Kulissen einer vergangenen Zeit neugierig hervor in die ihn befremdende aber sichtlich auch erregende Gegenwart. Aber er verkroch sich nicht in den Schmollwinkel des Alters, sondern hatte seinen Spaß daran, diese neue Welt mit sich und seinen alten Göttern und Halbgöttern zu konfrontieren. Dafür wurde er geachtet und – ein großes Wort – geliebt.

Hellmuth Karasek war ein großer Liebhaber der Schönheit. Er war es in dem Bewusstsein, dass ihm das eigentlich nicht zustand. Er kokettierte mit seiner Hässlichkeit schon als Mann in den besten Jahren. Er wusste dabei freilich, dass er sich auf seinen Humor, auf seine Ironie verlassen konnte. Auch auf seine so unendlich altmodisch und auf ungehobelte Gesellen wie mich immer etwas abstoßend wirkende Beflissenheit.

Entsetzlich peinlich fand ich sein Katzbuckeln vor Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett. Mit wie vielen Bücklingen begleitete er, wenn er einmal dem „werten Marcel“ widersprach! Das war mir physisch unangenehm. Gerade weil er oft recht hatte mit seinen Einwänden. Aber warum trug er sie nicht klar und deutlich vor? Warum wurden sie eingepackt in eine Bonbonniere von Komplimenten?

Es dauerte sehr lange bis ich begriff, dass das zu Karasek gehörte, dass das zwar sicher auch Teil seiner Klugheit war, vor allem aber ein Stück K. und K.-Attitude, die der Nachgeborene aus seiner Familientradition eingesogen, sich einverleibt hatte. Das war etwas, mit dem er sich abhob nicht nur von der Nierentisch-Sachlichkeit der Bundesrepublik. Das war wahrscheinlich schon einer jener „kleinen Unterschiede“ gewesen, die zu pflegen ihm in seiner DDR-Jugend wichtig gewesen waren. Hellmuth Karasek ragte aus einer Theaterbesessenen Habsburger-Welt über die Jahrzehnte  der puren Textpflege hinweg mitten hinein in die laute, bunte Gegenwart.