Eine Ausstellung der Fotografin Sybille Bergemann im Kreuzberg-Museum hieß „Mein liebstes Gut“: Viele, sehr unterschiedliche Menschen zeigen 1999 einen Gegenstand, an dem ihr Herz hängt. Das Liebste ist etwas Bevorzugtes, es verweist alles Nächstliebste auf die Plätze.

Angelica Domröse zeigte sich auf ihrem Foto mit zwei graziösen Reihern aus Bronze, ihr Mann, Hilmar Thate, hielt eine Mistgabel in der Hand. Hatte die mit seiner Herkunft in der Nähe von Halle zu tun? Aber sein Vater war Schlosser, die Mutter Hausfrau. Thate war immer nur Schauspieler, er hat ja nichts anderes gelernt. Eine Mistgabel könnte Bodenständigkeit bedeuten, die Wehrhaftigkeit eines einfachen Mannes oder seine Verteidigungsbereitschaft für die, die ihm nahe sind.

Im gleichen Jahr bekam er den Darstellerpreis des Filmfestivals in Karlovy Vary und später den Grimme-Preis für „Wege in die Nacht“, Regie Andreas Kleinert: Thate spielt den arbeitslosen Walter, der einmal ein wichtiger Mann in der DDR-Industrie war und jetzt, acht Jahre nach der Wiedervereinigung, schon länger arbeitslos ist. Er lebt in Berlin mit Wut, Argwohn, Trauer und dunklen Ringen unter den Augen, weil begreift, dass ihn niemand braucht. Seine Frau arbeitet nun als Kellnerin und steckt ihm Geld zu. Mit zwei jungen Leuten patrouilliert Walter nachts durch die Stadt, um seine Vorstellung von Recht und Ordnung herzustellen. Aus der Mission wird ein Amoklauf.

Vielleicht läuft dieser radikale, stilistisch sicher beherrschte Film in schwarzweiß wieder im Fernsehsehen, nachdem sein Hauptdarsteller am 14. September, am letzten Freitag, mit 85 Jahren gestorben ist.

Erotische Magie zwischen Domröse und Thate

Seine Rollen auf dem Theater, im Film und im Fernsehen bezeugen Anspruch. Für eine Aufzählung wären es zu viele. So oft es ging spielte Thate zusammen mit Angelica Domröse, 1976 hatten sie geheiratet. Sie begegneten sich 1975 bei denn Dreharbeiten zum Fernsehfilm „Daniel Druskat“, Regie Lothar Belag. Sie verfielen einander. Sofort. Ich führte damals Interviews zu dem Film und besuchte sie in einem kleinen Haus am See. Die Beziehung zwischen ihnen hatte erotische Magie. Es war wirklich so, dass ich mich um Thate und Domröse außen herum bewegte. Ich traute mich nicht zwischen ihnen hindurch, weil ich befürchtete, durch die starke Hitze als Häufchen Asche zu Boden zu fallen.

Es gibt wenige Paare, die das Schauspielern und das Privatleben so verschmelzen können, konfliktfrei seit vierzig Jahren, nach außen jedenfalls.

Hilmar Thate war kein großgewachsener Mann. Aber in seinem Körper schien so viel Energie zu arbeiten, dass sie zu einer unablässigen Körperspannung führte. Er ruhte in sich und wirkte dennoch wie auf dem Sprung, ein seltenes Paradox. Er hatte, auch im Alter, etwas Unverwüstliches.

1961, er ist dreißig Jahre, spielt er sich mit einer kleinen Rolle in die Unvergesslichkeit. „Der Fall Gleiwitz“, Regie Gerhard Klein, folgt einem tatsächlichen Ereignis: SS-Angehörige fingieren am 31. August 1939 einen polnischen Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz. Ein KZ-Häftling – Thate spielt ihn – wird in eine polnische Uniform gesteckt und zum Sender gefahren. Der Häftling versucht, im Auto mit verbunden Augen und gefesselten Händen, die Situation zu begreifen. Er horcht und atmet. Er horcht und atmet. Er wird das erste Opfer des Zweiten Weltkriegs werden.

Kulturpolitiker werfen dem Film Formalismus und eine Ästhetisierung des Faschismus vor. Er wird vom Moskauer Filmfestival zurückgezogen, von oben bestellte vergiftete Kritiken erscheinen, aber der Film überlebt.