Es gibt zwei Gruppen von Menschen. Die einen wissen genau, wie ein Wawuschel aussieht. Die anderen würden sogar bestreiten, dass es Wawuschels gibt. Es mag nicht wirklich wichtig sein, diese winzigen Höhlenbewohner zu kennen. Mit ihnen aber Bekanntschaft geschlossen zu haben, sorgte für Lachen und Aufregung in der Kindheit, für Erlebnisse im Kopf.

Diese waren der Schriftstellerin Irina Korschunow zu verdanken, die, wie ihr Verlag jetzt meldete, am 31. Dezember gestorben ist – am Tag ihres 88. Geburtstags. Irina Korschunow wurde in Stendal geboren, wo die Tochter eines Russen und einer Deutschen auch aufwuchs. Erst 1949 ging sie nach Göttingen und später München, um Germanistik, Anglistik und Soziologie zu studieren. Sie hatte zunächst journalistisch gearbeitet, etwa für die Süddeutsche Zeitung. Ihr erstes Buch, „Die Wawuschels mit den grünen Haaren“, 1967 erschienen, wurde ihr größter Erfolg. Es erlebt bis heute Neuauflagen, wurde in viele Sprachen übersetzt. Es wurde in kleinen Portionen als Trickfilm im West-„Sandmännchen“ erzählt und zum Schreien komisch von Monty Arnold als Hörbuch eingelesen.

"Weil ich sie mag, über sie nachdenke"

„Warum ich für Kinder schreibe?“, wird Irina Korschunow auf der Rückseite einer dieser Ausgaben zitiert, „wahrscheinlich, weil ich sie mag, über sie nachdenke, sie zu verstehen versuche; weil ich über jene Mittel der Sprache und Phantasie zu verfügen glaube, die man braucht, um junge Leser zu erreichen, weil ich das Gefühl habe, von ihnen verstanden und angenommen zu werden.“

Das Leben der Wawuschels ist eigentümlich und von dem der Menschen unterschiedlich. So brauchen sie einen Drachen zum Kochen ihrer Tannenzapfenmarmelade. Sie haben es nur hell in ihrer Höhle, weil ihre Haare leuchten. Das Zauberbuch der Großmutter ist ihnen kaum noch eine Hilfe, weil die das Lesen verlernt hat. Glücklicherweise lernt das Mädchen Wischel bald lesen; ihr Bruder hat kein Interesse. Es ist eine eigene Welt, geschildert mit Wärme und Humor, versehen mit kleinen, feinen Botschaften, aber ohne große Lehre.

Mit anderen Kinderbüchern ging sie näher an die Lebenswirklichkeit ihrer jungen Leser. „Hanno malt sich einen Drachen“ (1978), als er in der Schule gehänselt wird, weil er so pummelig ist. Der „Findefuchs“ (1982) ist allein und braucht eine neue Mutter. Da heißt es „Es muss auch kleine Riesen geben“ (1997), wenn Korschunow erzählt von den Problemen der Jüngeren. „Die Sache mit Christoph“ (1978) stellt die Frage, ob ein Fahrradunfall vielleicht gar kein Unfall war.

Irina Korschunow schrieb aber auch Fernseh-Drehbücher und seit den 1980ern Romane für erwachsene Leser, war doch auch ihr eigener Sohn längst herangewachsen. 1983 erschien ihre in Kiel, Stendal und Göttingen angesiedelte Familienchronik „Glück hat seinen Preis“; es folgten „Malenka“, „Fallschirmseide“, „Von Juni zu Juni“ – Romane über Frauen und ihre Ansprüche, Schicksale aus Kriegs- und Nachkriegszeit. Sie schrieb feinfühlig, nicht gefühlig. Zuletzt erschien im Jahr 2009 der Roman „Langsamer Abschied“; der Rückblick einer Frau auf eine ungleiche Beziehung, in der erst die Liebe starb und dann, langsam, der Mann.

Dass die Kritiken meist noch erwähnten, es sei ein Roman der Kinderbuchautorin Irina Korschunow, veranlasste sie zu Spott: „Als ,Kinderbuchautorin und Schriftstellerin’ hat man mich schon bezeichnet, in säuberlichem Kästchendenken, und sogar hin und her überlegt, ob ich vielleicht ein bisschen schizophren sei.“ Nein, auch ihr Publikum konnte ja die Kindergeschichten im Kopf behalten und die anderen lesen, ohne seelischen Schaden zu nehmen.