Nachruf: Jewgeni Jewtuschenko war der Botschafter des Tauwetters

Das widersprüchliche 20. Jahrhundert hatte er in sich vereint. Dass er an den gegensätzlichen Kräften nicht zerbrach, sondern sie sich zunutze machte, ließ ihn zu einer schillernden Persönlichkeit werden. Dieser Begriff trifft auf kaum jemand so zu wie auf Jewgeni Jewtuschenko, der am Sonnabend in den USA gestorben ist.

Er war als Dichter so berühmt, wie es wenigen vergönnt ist, bei öffentlichen Auftritten hörten ihm Zehntausende zu, er wurde in 72 Sprachen übersetzt, Staatslenker zeigten sich mit ihm. Er war ein formwilliger Poet, er hatte später auch den langen Atem für Prosa. Seine Filme „Der Kindergarten“ (1984) und „Stalins Begräbnis (1990) liefen auf großen Festivals.

Mann von Welt

1932 im sibirischen Sima geboren, ohne Abschluss als 15-Jähriger von der Schule geflogen, war in seinen Dreißigern ein junger Held, später ein Mann von Welt, er liebte die Frauen, war viermal verheiratet, und inszenierte sein Erscheinen auch im Kleinen, etwa bei Begegnungen mit Journalisten.

Dabei gründet sein Weltruhm eigentlich auf zwei Gedichten aus demselben Jahr: 1961. Der Zweite Weltkrieg ist 16 Jahre her, doch die Fronten zwischen den Systemen sind verhärtet. Damals erschien sowohl „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ als auch „Babij Jar“.

Gute Absicht

Das volksliedhafte Antikriegsgedicht trägt die Leiden seines Volkes in sich. Es steckt viel gute Absicht darin, der Gedanke an eine friedliebende Gesellschaft: „Hol dir auch bei dem Kämpfer Rat,/ der siegend an die Elbe trat,/ frag, was in seinem Herzen blieb:/ Meinst du, die Russen wollen Krieg?“

Das andere, „Babij Jar“ erinnert an das Massaker an den Juden in einer Schlucht bei Kiew. 33 000 Menschen wurden dort von SS und Wehrmachtssoldaten erschossen. Die Sowjetunion setzte diesen Männern, Frauen und Kindern kein Denkmal, sondern wollte dort einen Vergnügungspark und ein Stadion bauen. Jewgeni Jewtuschenkos Gedicht richtete sich wie ein Fanal dagegen. 

Während Stalin und Chruschtschow herunterspielten, dass hier Juden vernichtet wurden, thematisierte der Dichter genau das: „Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal./ Ein schroffer Hang - der eine unbehauene Grabstein./ Mir ist angst./ Ich bin alt heute,/ so alt wie das jüdische Volk./ Ich glaube, ich bin jetzt/ ein Jude.“ 

Wie Paul Celan

So beginnt das Gedicht, ins Deutsche übertragen von Paul Celan. Der Dichter sagt nicht, wer die Mörder waren. Er setzt die Opfer ins Recht. Es endet: „Und bin – bin selbst/ ein einziger Schrei ohne Stimme/ über tausend und aber/ tausend Begrabene hin./ Jeder hier erschossene Greis -:/ ich. Jedes hier erschossene Kind -: / ich. / Nichts, keine Faser in mir, / vergisst das je!“

Im Mai 1962 ziert Jewtuschenkos Foto mit verstrubbeltem Haar und schalkhaftem Lächeln den Titel des Spiegel. Im Herbst 1962 konnte der Ost-Berliner Verlag Volk und Welt auf der Frankfurter Buchmesse noch kein fertiges Exemplar, sondern nur die Fahnen des ersten deutschen Jewtuschenko-Bandes „Mit mir ist folgendes geschehen“ vorzeigen – sie wurden geklaut.

Vierte Generation

Er gehörte zu einer Gruppe von Autoren, die der Übersetzer Thomas Reschke die „vierte sowjetische Schriftstellergeneration“ nennt, die über ihr Land so schrieben, wie sie es sahen: Okudshawa, Axjonow, Wosnessenski und Bella Achmadulina, Jewtuschenkos erste Ehefrau. In ihrer Lyrik gab es das Pathos als Verneigung vor der russischen Seele, aber auch Majakowski’sche Angriffslust, Mandelstam’sches Zweifeln.

Jewtuschenko dichtete im „Andenken der Achmatowa“, der unter Stalin unterdrückten Dichterin in ihrem Todesjahr 1966: „Es ziemte sich nicht, sie zu beweinen“ und mutmaßt: „Ich dachte auf einmal: vielleicht/ Gibt es trotzdem zwei Russlands:/ Geschiedene Länder, Gegenreiche,/ Ein Russland des Geistes, eins der Hand?“

Nähe zur Macht

Das Russland der Hand sollte immer wieder zuschlagen. Jewtuschenko lehnte es ab, gegen Boris Pasternak aufzutreten und engagierte sich gegen die Ausweisung Solschenizyns aus der UdSSR. Er nutzte seine Popularität aus, kam der Macht dabei sehr nahe. Und er reiste durch die Welt. In seiner Autobiografie „Der Wolfspass“, 1998 erschienen, erzählt schon allein die Fotostrecke von seiner Prominenz: Er besucht Picasso in Frankreich, Heinrich Böll in Köln, Federico Fellini in Rom, John Updike und Arthur Miller in den USA, er wird in Washington von Richard Nixon und Henry Kissinger empfangen.

Jewtuschenko war im Westen Botschafter des Tauwetters, und er kritisierte die US-amerikanische Rüstungspolitik und den Rassismus. Gorbatschows Perestroika unterstützte er von Anfang an. Im „Wolfspass“ schreibt er, dass 1989 mit der Rückkehr von Pasternaks „Doktor Schiwago“ und Solschenizyns „Archipel Gulag“ in die Heimat diese früher verbotenen Bücher als chirurgische Fäden die „blutenden Risse“ der russischen Literatur zusammenfügten. „Aber als sie zusammengewachsen war, wurden die Fäden nicht mehr gebraucht und wurden gezogen.“ Es war nicht die Zeit für das Russland des Geistes. Die nächste Generation russischer Autoren wie Ljudmila Ulitzkaja, Viktor Pelewin und Vladimir Sorokin fand erst ab Ende der 90er-Jahre wirkliche Beachtung.

Ein Land auf der Kippe

Beim Putsch vom August 1991 stieg Jewtuschenko an Jelzins Seite auf die Barrikaden. Von jenen drei August-Tagen und der Lage der sowjetischen Gesellschaft handelt in 35 Kapiteln sein Roman „Stirb nicht vor deiner Zeit“: Das Schicksal des Landes stand auf der Kippe. Zweihundertfünfzigtausend Handschellen lagen bereit, die Protestierenden zu inhaftieren.

Jewtuschenko war in der Welt so bekannt, dass er sich mehr zu sagen erlauben konnte als andere. Er glitt durch den Eisernen Vorhang, der die Welt im 20. Jahrhundert teilte, und kam wieder zurück. Sein schillernder Auftritt auf beiden Seiten wurde ihm später übelgenommen. In den Neunzigerjahren nahm er einen Lehrauftrag in Tulsa im US-Staat Oklahoma an, wohin er schließlich ganz umzog. Doch begraben wird er seinem Wunsch gemäß im Moskauer Schriftstellerdorf Peredelkino, wo auch Pasternak liegt.