BerlinAls die Erfindung des tragbaren Kassettenrekorders für junge Leute erschwinglich wurde, brachten die Studenten diese Geräte dutzendfach mit in seine Seminare und Vorlesungen. Klaus Heinrich sprach frei und ohne Notizen über Gott und die Welt, und die junge Hörerschaft erlebte ihn als einen charismatischen Redner, bei dem jedes Wort Gewicht zu haben schien.

Wer ihn hörte, verstand nicht unbedingt gleich jeden seiner Gedanken, aber sein Bemühen, einzelnen Worten und Begriffen nachzuspüren, übte auf die Zuhörer eine ganz eigene Anziehungskraft aus. Ihm selbst schien man beim Entstehen seiner Gedanken zusehen zu können. Emanzipation etwa blieb für Heinrich ein Wort aus der Sklavenhaltersprache. Der oder die Emanzipierte (sei es Sklave, Jude, Frau) blieb minderen Rechts. Emanzipation, sollte das wohl heißen, sei noch kein Selbstwert an sich. Das waren in den 60er-Jahren irritierend-elektrisierende Gedanken, obwohl Klaus Heinrich aufgrund seiner zurückgenommenen Nachdenklichkeit nicht unbedingt zum Aufbruchsgeist der Studentengeneration passte. Eher versorgte er, der in seinen religionsphilosophischen Vorlesungen Aspekte der Kunst, Architektur und Psychologie mit einbezog, diese mit Stichworten und gedanklichen Widerhaken.

Ein bis heute inspirierender Text, der Klaus Heinrichs feinsinnig-komplexes Denken veranschaulicht, ist der 1964 erschienene „Versuch über die Schwierigkeit, nein zu sagen“, der als einer der Schlüsseltexte zum Verständnis der heraufziehenden Protestbewegung gilt, obwohl Heinrich darin gerade die Ambivalenz des Protestes thematisiert. Der Mensch, der „nein“ sagt und widerständig handelt, entfremde sich dabei zugleich von sich selbst und sei fortan damit beschäftigt, diese Entfremdung austarieren zu müssen. Henrichs luzide mäandernder Text nimmt dabei auch den falsch gerichteten wie unterlassenen Protest in den Blick seiner Überlegungen. „Protestieren“, schrieb Jürgen Habermas 1964 in der Zeitschrift Merkur, „begreift Heinrich als Widerspruch gegen Prozesse der Selbstzerstörung. (…) Die Dimension der Selbstzerstörungen, die Heinrich zur Diskussion stellt, erinnert vielmehr an eine Tatsache, die unser positivistisches Zeitalter gerne verleugnet: daran nämlich, dass die Reproduktion der Menschengattung nur in den anspruchsvolleren Gestalten eines historischen Überlebens gesichert ist.“

Klaus Heinrich: „Die Zivilisation ist ein hauchdünner Firnis“

Die Mühen der Selbstaufklärung und deren Umschlagen in Selbstdestruktion blieben ein Thema, das Klaus Heinrich zeitlebens nicht mehr losließ. So nehme die Gefahr von Katastrophen, sagte er vor drei Jahren in einem Gespräch mit René Aguigah auf Deutschlandradio Kultur, „in dem Maße zu, in dem Möglichkeiten zunehmen, überhaupt einzugreifen in die Natur – und auch die eigene Natur, die eigene Ausstattung als Triebwesen“. Vor diesem Hintergrund habe er immer wieder die Selbstzerstörungsprozesse sowohl der Gattung wie auch der Individuen betont. „Das heißt, die Zivilisation ist ein hauchdünner Firniss. Und darunter wütet etwas, was uns aus den Konflikten herausholen will – die selbstzerstörerischen Aktionen sind ja eigentlich solche, die einem endgültig Ruhe schaffen sollen.“

Der unhintergehbare Bezugspunkt seines Denkens war die Erfahrung des Zivilisationsbruches in der Zeit des Nationalsozialismus, dessen Durchsetzung Heinrich nicht ausschließlich an historische Fakten wie die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg, den Versailler Vertrag und die Weltwirtschaftskrise ursächlich geknüpft sehen mochte. Vielmehr beschäftigte ihn die emotionale und intellektuelle Ausstattung des Menschen, die zum Nationalsozialismus beigetragen hatte. „Er glaubte definitiv nicht an seine Unwiederholbarkeit“, schrieb Arno Widmann anlässlich Klaus Heinrichs 90. Geburtstags in der Berliner Zeitung. „Seine ganze Anstrengung war darauf gerichtet, dafür zu sorgen, dass in den Köpfen seiner Hörer Antennen installiert wurden, die als Frühwarnsysteme funktionieren könnten, falls die Bundesrepublik, falls Deutschland mal wieder in Richtung Vernichtung des Fremden – und also auch des Eigenen – driften würde.“

Romanfigur in Heinz Budes „Aufprall“

Der 1927 in Berlin geborene Klaus Heinrich gehörte zu den studentischen Gründungsmitgliedern der Freien Universität, an der er zwischen 1971 und 1995 als Professor für Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Religionsphilosophie tätig war. Ein kleines Denkmal haben ihm unlängst erst Karin Wieland, Bettina Munk und Heinz Bude in ihrem zu dritt geschriebenen Roman „Aufprall“ (Hanser-Verlag) gesetzt, indem sie Klaus Heinrich und dessen Kollegen Jakob Taubes als geistige Kulminationspunkte beschreiben, die bis weit hinein in die 90er-Jahre wirkten.

Eine emphatische Vorstellung von der Universität hatte Klaus Heinrich als junger Mensch bereits in den letzten Kriegstagen entwickelt. Er selbst habe immer eine Universität gewollt, sagte er im Gespräch mit René Aguigah, „die einem gemeinsamen Ziel – dem Unum in ihrem Namen – verpflichtet wäre, und dieses Unum sei eben die Gesellschaft, der sie ein Bewusstsein ihrer selbst geben will“. Schon den Gründern der heutigen Humboldt-Universität sei es darum gegangen, ein nicht-nationalistisches Selbstbewusstsein zu pflegen, eben um eine Institution zu schaffen, die dem selbstzerstörerischen Nationen-Trip entgegenstehe.

Obwohl Klaus Heinrich bis zuletzt ein reger Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse war, verzichtete er auf Computer und Fernsehen und nahm sich stattdessen die Zeit zum Malen und zum Verfassen von Gedichten. Am Montag ist er im Alter von 93 Jahren in Berlin gestorben.