2015 performte die Band Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie den Song "Roboter".
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BerlinBald ist das 20. Jahrhundert ganz vorbei. Mit Florian Schneider ist ein Mitverantwortlicher für den vielleicht einflussreichsten Sound der letzten knapp fünfzig Jahre gestorben: Seine Band Kraftwerk, die er mit Ralf Hütter 1970 in Düsseldorf gegründet hatte, prägte entscheidend die elektronische Popmusik zwischen Synthpop, HipHop und Techno - auch Coldplays Großhit „Talk“ basiert auf einer Melodie von Kraftwerk.

Dabei gibt es kaum eine Musik, die so defensiv gleitet wie der Kraftwerk-Pop auf den wegweisenden Alben zwischen 1974 und 1982, von "Autobahn" zu "Computerwelt". Titel wie "Autobahn" und "Trans Europa Express" von 1977 führen dabei mitten in die Essenz des musikalischen Schaffens der Band: In einer Zeit, als synthetische Musik als kalt und unmenschlich galt, glamourisierten sie den technologischen Fortschritt und feierten die Künstlichkeit bis zur Selbststilisierung als Roboter, deren Stimmen wesentlich aus der Klangforschung Florian Schneiders kamen. Wo die Züge und Straßen in Blues und Rock zu individueller Erlösung und Freiheit führen, verstanden Kraftwerk sie als moderne Kommunikationswege. "In unserer Gesellschaft ist alles in Bewegung", sagte Hütter. "Musik ist eine fließende Kunstform."

Florian Schneider-Esleben, wie er mit vollem Namen heißt, setzte damit gewissermaßen eine Familientradition fort. Sein Vater Paul gehörte zu den führenden Architekten der Nachkriegszeit, auch international renommiert für seine Fortführung der durch die Nazis unterbrochenen Moderne. Florian, 1947 geboren, studierte zunächst Querflöte und Musikwissenschaft und begleitete Jazzbands, bevor er sich mit Hütter in der Band Organisation versuchte, aus der ab 1970 Kraftwerk wurde. Drei Alben mit eher zeitgemäßem Krautrock und konventionellen Instrumenten erschienen, bevor sie sich 1973 dazu entschlossen, ganz auf die elektronische Klangerzeugung zu setzen. Wie die Alben zuvor wurde auch "Autobahn" von Conny Plank produziert, durch Alben von Neu! und Harmonia die graue Eminenz des Krautrock. Es entstand jedoch in Kraftwerks Kling-Klang-Studio, wo sie ihre Musik fortan in Eigenregie aufnahmen (und ab da den Einfluss Planks auf ihren Sound herunterspielten).

Die Verbindung von schlichter, romantischer Melodik und technologischem Futurismus stieß in der Blütezeit von akustischen Songwritern und lauten Rockern indes durchaus auch auf Skepis. Und Kraftwerk definierten ihre "elektronische Volksmusik" auch als Reaktion auf den amerikanischen Einfluss im Pop. Kein Wunder andererseits, dass ihre Sounds dort am besten ankamen, wo Fremdheit ein Lebensgefühl und Hoffnung auf die Befreiung durch Fortschritt seit je positiv besetzt war. "Ihre Musik ist so steif", sagte der Detroiter Technopionier Carl Craig einmal, "dass sie funky ist." HipHop-Legende Afrika Bambaataa fand "Trans Europa Express" eines der "besten und seltsamsten Stücke", die er je gehört habe und meinte: "Vermutlich hatten sie keine Ahnung, wie groß sie unter schwarzen Hörern von 1977 waren."

Tatsächlich reagierten die Musiker recht verschnupft, als sie Bambaataas auf einem Kraftwerk-Titel basierendes Stück "Planet Rock" hörten, mit dem er 1982 HipHop in die Elektrozukunft geführt hatte. Man einigte sich, heißt es, auf eine nicht unerhebliche Entschädigung. Wie der seit über zwanzig Jahren andauernde Gerichtsstreit mit dem Frankfurter Produzenten Moses Pelham um ein winziges Drumsample zeigt, waren sie auch in Urheberfragen einflussreich.

Die massive Musealisierung Kraftwerks im letzten Jahrzehnt erlebte Florian Schneider nur als Beobachter, wobei er die gesamte Karriere hindurch Hütter die Aufgabe als Sprecher der Band überlassen hatte. Nach einer Tour 2008 stieg er aus und trat nur 2015 noch einmal musikalisch in Erscheinung, interessanterweise mit dem Titel "Stop Plastic Pollution". Wie sein Bandpartner Ralf Hütter meldete, starb er nun mit 73 Jahren an einer Krebserkrankung.