Der Komponist Krzysztof Penderecki (1933–2020).
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BerlinKrzysztof Penderecki war ein unseriöser Komponist. Das ist keineswegs so ausschließlich abwertend gemeint, wie es sich liest. Kunst, der nicht auch ein Moment von Aufschneiderei, von ungedeckter Behauptung eignet, wird leicht akademisch. Und gerade die Moderne neigte mit ihrem Bedürfnis nach theoretischer Unterfütterung stark zur akademischen Rechtfertigung – sie provoziert als Gegentyp den Anarchisten wie John Cage oder den Großsprecher von zweifelhafter Substanz: wie den 1933 in der Nähe von Krakau geborenen Penderecki.

Nach frühem Violin- und Klavierunterricht und Kompositionsstudien gewann er 1959 bei einem polnischen Kompositionswettbewerb mit drei anonym eingereichten Stücken alle zu vergebenden Preise. Das machte den jungen Mann sofort bekannt.

Der polnische Sonderweg

Penderecki, der etwas jünger war als die Avantgarde-Granden des Westens, zog aus deren Musik eine Konsequenz, die in ihrer Oberflächlichkeit geradezu wohltat. Die serielle, dann aleatorische Regelungswut der Darmstädter Protagonisten Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen, die aus dem Komponieren eine anspruchsvolle physikalisch-mathematische Wissenschaft machten, erzeugte Klänge, die mit dem, was das Publikum als „Musik“ im Ohr hatte, nichts mehr zu tun hatten.

Das aber, so kann man Pendereckis frühe Werke verstehen, konnte man auch leichter haben, indem man die extremen Klänge nicht über Umwege konstruierte, sondern direkt erfand – das tat Penderecki nicht allein, auch seine Landsleute Henryk Górecki oder Tadeusz Baird arbeiteten mit am polnischen Sonderweg des „Sonorismus“.

Weidlich ausgeschlachtet

Ein Stück für 52 Streicher, ursprünglich nach seiner Dauer „8’ 27“ benannt, bekam nach einer ersten Aufführung von Penderecki kurzerhand den Titel „Threnos – den Opfern von Hiroshima“. Damit war erstens klar, dass diese Cluster, Kratzer und kreischenden Höhen als Klänge der Katastrophe zu verstehen, also mit einem negativen Index versehen waren, den die Vertreter der Avantgarde ihrer Musik keineswegs beilegen wollten.

Zweitens war die Widmung öffentlichkeitswirksam spektakulär: Endlich kommt ein Komponist aus dem Elfenbeinturm und nimmt das Elend der Welt wahr. Durch diese Verbindung mit einer Vorstellung hatte Penderecki auch beim Publikum enormen Erfolg: „Threnos“ lässt sich hören wie Musik zu einem imaginären Film. Seine Werke wurden von Regisseuren, ihre Klänge von Filmkomponisten weidlich ausgeschlachtet.

Kompositionen im Auftrag

Natürlich gab es schon damals Hörer, die hinter „Threnos“ zynisches Kalkül witterten. Dennoch musste man Penderecki zugestehen, dass er seine Klangerfindungen in Werken wie „Anaklasis“, „Fluorescences“ oder „De natura sonoris 1&2“ dramaturgisch geschickt zu arrangieren verstand und kein intellektueller Überbau die Wirkung dieser Musik schmälerte. Zudem verstand es Penderecki, die alsbald an ihn herangetragenen Auftragsformate zuverlässig zu bedienen: Opern, Passionen, Oratorien – alles, womit sich die Avantgarde schwertat, lieferte er termingerecht, in grafisch aufregend gestalteten Partituren und mit Klängen von großer Imaginationskraft.

Ob Neue-Musik-Festivals wie Donaueschingen oder Eliten-Festspiele wie Salzburg: Penderecki war dabei und immer auffällig. Und nicht nur Opern wie „Die Teufel von Loudon“ (Hamburg 1969), „Paradise Lost“ (Chicago 1979), „Die schwarze Maske“ (Salzburg 1986) oder „Ubu Rex“ (München 1991) trugen Pendereckis Namen um die ganze Welt. Der gläubige Katholik wurde auch zu großen Jubiläen beauftragt: Die Lukaspassion erklang zur 700-Jahr-Feier des Münsteraner Doms, ein Magnificat feierte 1000 Jahre Salzburger Dom, die Siebente Symphonie sogar 3000 Jahre Jerusalem.

Peinliches Spätwerk

Pendereckis Ansehen wuchs in enorme Höhen – und stürzte umso tiefer, als immer deutlicher wurde, dass sich die einst aufregenden Klänge wiederholten und zunehmend von tonalen Restaurationsabsichten verdrängt wurden, die mit dreiklangssattem Trompetenglanz der geforderten Festlichkeit eher entsprachen als die von ihm entwickelten Verfremdungen.

Penderecki erklärte dreist die Moderne für beendet und die nun entstehenden Massen an Symphonien und Konzerten für seine wichtigsten Werke. Diese Meinung teilte kaum jemand, die zumeist düster brummenden Stücke wurden immer länger und waren oft geradezu peinlich in ihren so hilf- wie ausdruckslosen Espressivo-Gesten – ein zuletzt auf CD veröffentlichtes Hornkonzert ist nicht einmal mehr gut instrumentiert.

So behalten wir Krzysztof Penderecki, der am Sonntag im Alter von 86 Jahren gestorben ist, nicht in Erinnerung. Er bleibt der Komponist genial offensiver, überwältigender Klangskulpturen von immensem Erfindungsreichtum und zwingender formaler Gestalt.