Es war wohl unvermeidlich, dass Leonard Cohen an einem Novembertag die Welt verlassen würde. Nun auch noch in dieser deprimierenden Woche, da man annehmen muss, dass die Welt, wie wir sie kennen, am Ende ist. Aber so seltsam es klingt, in gewisser Weise ist sein Tod im Moment ein Trost, eine Erlösung von all den dunklen Gedanken. Weil die Trauer um Leonard Cohen in Erinnerung ruft, was das Leben in Wirklichkeit ist, jenseits der Realityshowpolitik, was es so einzigartig macht und so unerträglich: Liebe, Hass, Begehren, Einsamkeit, Verlust, Schönheit und natürlich – Tod. Für den Tod schien Cohen stets eine besonderer Expertise zu besitzen, schon als junger Mann. Das Wissen um Vergänglichkeit, vor allem auch die eigene, prägte seine Poesie von Anbeginn.

Sechs Akkorde

Dem Tod fühlte er sich zuletzt näher denn je. Was wohl nicht nur an seinem Alter von 82 Jahren lag. Er sah ihn auf sich zukommen, spürte ihn, kokettierte mit ihm, besang ihn in den Songs seines letzten Albums „You Want It Darker“, das erst vor drei Wochen veröffentlicht wurde. Vielleicht darf man bei ihm sogar sagen, er sah SIE kommen. Es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass der Tod zu Leonard Cohen in der Gestalt einer anmutigen, wahrscheinlich jungen Frau gekommen ist. Er war ein Mann, der die Frauen liebte, und die Frauen liebten ihn zurück.

Eine dieser Frauen, die ihn lebenslang umgaben, war Marianne Ihlen, für Cohen „die schönste Frau, die ich jemals sah“. Zu betrachten ist sie auf der Rückseite von Cohens zweiter LP „Songs From A Room“, deren Lieder auf der griechischen Insel Hydra entstanden, wo der Sänger Ende der Sechziger gemeinsam mit Marianne Ihlen in einem recht einfachen Haus lebte. Sie sitzt in der Hütte an Cohens Schreibtisch, den gebräunten Körper nur mit einem weißen Tuch bekleidet. Das blonde Haar fällt ihr ins Gesicht. Seine Geliebte inspirierte ihn seinerzeit zu zwei seiner berühmtesten Songs, „So Long, Marianne“ und „Bird On The Wire“. Als die Norwegerin im Sommer dieses Jahres im Sterben lag, schrieb Cohen ihr einen Brief ins Krankenhaus nach Oslo. Auch wenn der persönliche Brief nicht für die Öffentlichkeit gedacht war, ist er dort angelangt. Das ist ausnahmsweise gut so, denn Cohen schreibt: „Marianne, wir sind nun beide in dem Alter angekommen, da unsere Körper langsam anfangen zu vergehen – und ich denke, dass ich dir bald folgen werde. In dem Wissen, dass ich so nah bei dir bin, kannst du einfach deine Hand ausstrecken, und ich denke, du wirst meine erreichen. Goodbye, meine liebe Freundin. In unendlicher Liebe, ich sehe dich ganz bald.“ Abschiedsworte für die Ewigkeit.

Marianne Ihlen ist am 29. Juli im Alter von 81 Jahren in Norwegen gestorben. Leonard Cohen ist seiner Muse am 7. November gefolgt. Er wurde 82 Jahre alt.

Das Licht dieser so wunderbaren und entsetzlichen Welt, mit der er sich am Ende trotz aufziehender Dunkelheit immer mehr versöhnen sollte (oder gerade deshalb), erblickte Leonard Norman Cohen am 21. September 1934 im kanadischen Montreal. Kanadier ist er immer geblieben, obwohl er die längste Zeit in Los Angeles gelebt hat. Noch für sein letztes Interview im September lud er in das kanadische Konsulat in der kalifornischen Metropole ein. Seine Familie war im 19. Jahrhundert aus Osteuropa nach Kanada eingewandert. Sie war nicht arm, ganz im Gegenteil. Vater Nathan, dessen Wurzeln im heutigen Polen liegen, führte in der neuen Heimat erfolgreich ein Textilkaufhaus. Mutter Masha, Krankenschwester von Beruf, war die vermögende Tochter eines aus Russland eingewanderten Rabbis. Judentum, Religiosität, die Synagoge spielten in Cohens Jugend eine große Rolle. Über die Bibel fand er schließlich dazu, selber zu dichten. Seine ersten eigenen Zeilen entlehnte er dem Alten Testament. Da war er kaum 13 Jahre alt. Zu dieser Zeit lernte er das Gitarrenspielen, angeblich, um Mädchen zu beeindrucken. Ein absolut ehrenhaftes Motiv. Leider ist sein Gitarrenlehrer nach drei Unterrichtsstunden gestorben, da hatte er dem Schüler erst sechs Akkorde beigebracht. Auf diese sechs Akkorde sollte Cohen später ein Lebenswerk aufbauen.

Es lässt sich denken, dass er als Teenager etwas anstrengend war. Anfang der Fünfziger ging er an die Universität, studierte die Frauen und ein bisschen Englisch, trieb sich hauptsächlich aber in den Literaturzirkeln herum. Man muss ihn sich als einen stets geschmackvoll gekleideten Jüngling vorstellen, der sich aufmachte, die Grenzen seiner bürgerlichen Existenz kennenzulernen. Er wollte Dichter werden. Das wurde er dann auch. Leonard Cohen wurde sogar ein armer Dichter.

Cohens Erstling, ein Lyrikband, erschien 1956 und verkaufte sich nicht so gut. Die Auflage betrug gerade einmal 500 Stück. Aber es gab ein Stipendium und ein paar Literaturpreise dafür. Das reichte, um die Jazzclubs von Montreal heimzusuchen und im schwarzen Rollkragenpullover das Leben der Boheme zu spielen. Kurzzeitig entdeckte Cohen den Revolutionär in sich, er flog nach Havanna, kleidete sich wie ein Soldat – weite Hose, Khakihemd, Schirmmütze – und sympathisierte mit Fidel Castro. Aber dabei blieb es auch. Nach ein paar Wochen und unzähligen Barbesuchen war das Abenteuer, das keines wurde, schon wieder vorbei.

Armer Poet

Er zog sich dann lieber auf die griechische Insel Hydra zurück, wo er den Roman „Beautiful Losers“ schrieb, eine Erzählung über schöne Verlierer, Leute wie ihn also, eine Dreiecksgeschichte mit viel Sex und schon deshalb für Kritiker sehr interessant. Man wurde auf den ernsten Mann mit dem dunklen Blick aufmerksam. Vergleiche zu James Joyce und Henry Miller sorgten dafür, dass sich sein Name in Kulturkreisen herumsprach. Aber von guten Rezensionen allein kann keiner leben. Cohen sprach später davon, dass er manchmal hungrig zu Bett ging.

Als er 1967 aus dem Mittelmeer nach Amerika zurückkehrte, hatte sich die Szene fundamental gewandelt. Poeten trugen ihre Gedichte jetzt nicht mehr in der Stube vor, sie hängten sich eine Gitarre um und traten vor Publikum auf. Bob Dylan hatte all den armen Schluckern, die sich für Künstler hielten und es mitunter sogar waren, eine Perspektive gegeben. Allerdings mussten sie dazu ihre Scheu überwinden, mit Menschen zusammenzukommen. Für einen Einsiedler wie Cohen, der Angst vor fremden Leuten hatte und an klinischen Depressionen litt, war das eine Zumutung. Aber auch eine Chance. Die Folksängerin Judy Collins hatte zu dieser Zeit einen seiner Songs in ihrem Programm. Es war „Suzanne“, später einer seiner größten Erfolge. Aber er wollte das Lied partout nicht selber auf die Bühne bringen, schreibt Collins in ihrer Autobiografie. Er habe ihr gesagt: „Ich kann nicht singen. Ich weiß nicht, was ich da oben soll. Ich bin kein Performer.“

Das wurde er auch nicht, selbst wenn er sich schließlich zu großen Konzerten überreden ließ. Er war schon 33 Jahre alt, als endlich sein Debütalbum erschien. Anders als Bob Dylan, der als Songschreiber, Sänger und Musiker Furore macht, ist Leonard Cohen ein singender Dichter geblieben, ein Songpoet. Mit Bob Dylan, der ihm die Schneise in den Erfolg geschlagen hat, wurde Cohen immer wieder verglichen. Beide Juden, beide große Künstler, beide menschenscheu. Und doch so grundverschieden. Während Dylan seine Texte teils noch während der Studioaufnahmen auf irgendwelche Zettel kritzelte, feilte Cohen oft jahrelang an seinen lyrischen Arbeiten und war trotzdem nie zufrieden. In dem halben Jahrhundert, das Dylan und Cohen mit ihren Songs geprägt haben, hat der eine fast 50 Alben herausgebracht und der andere gerade einmal 14. Für Cohen war das Dichten immer eine Qual. Als Dylan jetzt mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, fiel oft der Name Leonard Cohen. Er hätte ihn auch verdient – gehabt, wie man nun leider sagen muss. Für Dylan war Cohen die Nummer eins, wie er sich vor langer Zeit einmal äußerte. Er selbst sah sich als die Nummer null. Außerhalb der Wertung.

Koch im Kloster

Leonard Cohen hat es vermocht, mit nur wenigen Songs ein Werk aufzubauen, das einem gigantisch erscheint. „Joan of Arc“, „Sisters Of Mercy“, „Tonight Will Be Fine“, „The Partisan“, „Avalanche“, „Who By Fire“ und für immer unangreifbar das überirdische „Hallelujah“. Das sind ja nicht einfach nur Lieder, es sind Manifeste – und Ohrwürmer. Auch das Schlagerhafte gehört zu Cohen. Bei ihm kommt alles zusammen. Mystik und Religion, Sexualität und Empfindsamkeit, Spirituelles und Profanes, vorgetragen zu schlichten Melodien, die an Folk und Chanson orientiert sind und manchmal auch an den Gesängen in der Synagoge. Cohen murmelt, flüstert und brummt seine Songs auf so traurige Weise, dass er zum Helden aller Melancholiker wird.

Nachdem er sich Mitte der Neunziger als Koch in ein buddhistisches Kloster zurückgezogen hatte, weil er der Welt nichts mehr zu sagen hatte, musste er dann doch wieder raus. Seine Managerin war mit all seinem Geld durchgebrannt. So stand – und kniete – er zuletzt wieder vor den Menschen, die ihm immer ein Rätsel geblieben sind. Ein älterer Herr mit Hut, gut angezogen wie eh und je. Er hatte den „Tower of Song“, wie einer seiner großen Songs heißt, noch einmal verlassen. In diesem Turm der Lieder wohnt ganz oben Hank Williams, wie Cohen singt. Für ihn dürfte ein Platz knapp darunter reserviert sein. Jetzt ist er zu Hause.