Der Fotograf Jürgen Schadeberg im Jahr 2008 neben seinem berühmten Nelson-Mandela-Foto von 1994.
Foto:   AFP/Shaun Curry

Berlin- Breitete man das Lebenswerk dieses Fotografen in Gänze aus, stockte einem wohl der Atem. Jürgen Schadeberg war live dabei, wenn sich in der Welt große Geschichte ereignete, wenn sich politisch alles änderte. Er war auch der Porträtist Nelson Mandelas, wurde zum Chronisten der Apartheid und der Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika. Gerade diese Bilder gingen um die Welt, wurden in zahllosen Magazinen und Zeitungen abgedruckt. Sie gehören nun zu seinem künstlerischen Vermächtnis, denn der in Berlin geborene Menschen-Fotograf ist am Sonntag im Alter von 89 Jahren nach einem Schlaganfall gestorben – in seiner Heimatstadt, in der er nach Jahren in Spanien seit 2011 mit seiner Frau wieder lebte.

Unschuldig und neugierig

Schadeberg war ein Globetrotter. Die gute alte Leica machte ihn dazu – von Berlin über Paris, London, bis in die USA, wo er immer wieder den Alltag fotografierte. Und in Südafrika, wo er seit Anfang der 50er-Jahre bis in die Sechziger lebte und all das sah: Schwarz, Weiß, die sozialen Kontraste: Apartheid, Soweto und Sophiatown, Schönheitssalons und Jazz-Sessions. Der Fotograf erlebte und fotografierte zwei voneinander abgetrennte Welten, pendelte dazwischen hin und her – unschuldig und neugierig, wie er es über sich selbst schrieb.

So konnte es passieren, dass er auf einer Party der weißen High Society dabei war und tags darauf auf einem ANC-Treffen. Er leitete eine Zeit lang die Fotoredaktion des Drum Magazine – die erste Lifestyle-Illustrierte Afrikas. Als er das erste schwarze Mädchen auf den Titel brachte, wurde er verhaftet. Nicht das letzte Mal, die Apartheid-Regierung ließ ihn des Öfteren verhören und etliche Tage abbrummen, weil er Auftritte der ANC-engagierten Sängerin Miriam Makeba und – mit dem schwarzen Reporter Henry Nxumalo – den Prozess gegen den jungen Anwalt der ANC, Nelson Mandela, in Bildern und Texten engagiert begleitet hatte, weiterhin die Beerdigung der Opfer des Sharpeville-Massakers. Schadeberg zeigte das Harte, Elende, aber den Abgebildeten ließ er immer ihre Würde. Sie sind sogar schön: der ärmste schwarze Arbeiter in seiner Johannesburger Hütte, die stoisch auf den Bus wartenden Frauen von Sophiatown. Jürgen Schadeberg wollte, dass man seine Fotos „lesen“, dass man die Situation auch Jahre später noch miterleben kann.

Nebel am Checkpoint Charlie

Es stimmt, was über diese Bilder geschrieben wurde: Sie haben etwas Religiöses. Es liegt an der Art, wie Schadeberg sie komponierte: Da ist diese Ruhe, Andacht fast, konzentriert auf die einzelne Gestalt, den Kopf, die Augen, die Hände. Oder auf eine gestaffelte Figurengruppe, auf die schräg das Sonnenlicht fällt, wie in einem Romantiker-Gemälde. Auch Nebel kommt vor, wie im Motiv des Grenzpunktes Checkpoint Charlie mitten im Berlin der Mauerzeit. Er nannte seine Haltung in einem Gespräch aus Anlass des 2004 gedrehten Filmes „Drum - Wahrheit um jeden Preis“ einen „naiven Enthusiasmus, der wohl in vielen meiner Bilder zu finden ist.“

Aber es seien eben auch unglaubliche Zeiten gewesen. Bei seinen Reportagen über den Alltag in Sophiatown, wo Schwarze und Weiße gemeinsam lebten, sah er Mögliches und schier Unmögliches. „Wir strichen durch Shebeens schummrige, verrauchte Bars, hörten oder tanzten Swing, tranken Bier und Brandy – bis die Apartheit-Regierung 1963 Bulldozer schickte und das Johannesburger Viertel abreißen ließ.“

Südafrika ließ ihn nie los. Und so flog Schadeberg 2010, als 79-Jähriger, vor der Fußball-Weltmeisterschaft ins Land, machte Bilder, als die Armenviertel geräumt wurden, weil die WM-Touristen das Elend nicht sehen sollten. Gleichsam zur Ikone war lange vorher jenes Foto geworden, das Schadeberg abermals als Chronisten zeigte, eine stille, denkmalwürdige Momentaufnahme der Reflexion 1994: Nelson Mandela, nunmehr Südafrikas Präsident, kehrte hier noch einmal nach Robben Island zurück, in das berüchtigte Gefängnis, in dem er 27 Jahre einsaß: Er steht in seiner Zelle, dicht am Fenstergitter. Keine Bitterkeit, kein Zorn. Schadeberg fotografierte Mandelas Lächeln.