Martin Warnke.
Foto: Gerda Henkel Stiftung

BerlinSchon im späten 19. Jahrhundert brachten reich bebilderte Magazine die Welt in die Wohnungen der Industriestaaten. Doch erst als mit Radio und Fernseher Moderatoren, Showmaster und Stars zu informellen Familienmitgliedern wurden, figurierte sich auch das Wohnzimmer grundsätzlich neu: Das Sofa wurde zum Gesprächsmöbel mit dem Fernseher, dieser wurde nach und nach zum Zentrum der Raumplanung. Wer einmal den kleinen Aufsatz des Kunsthistorikers Martin Warnke über diese Veränderung unserer Lebenswelt gelesen hat, kann kein Foto in einem Ikeakatalog mehr unschuldig  ansehen und denkt in der eigenen Wohnung unwillkürlich nach: Was sagt es über mich aus, wie ich die Sessel aufstelle?

Kunsthistorische Seitenblicke

Man hätte gerne den Aufsatz vorn Warnke, der Anfang der Woche in Halle im Alter von 82 Jahren verstarb, über die neuerliche Veränderung der Wohnkultur durch Laptop und Netflix gelesen. Es waren nämlich auch solche kunsthistorischen Seitenblicke in die Alltagswelt, ihn seit den 70er-Jahren zu einem der wichtigsten Reformer der deutschen Geisteswissenschaften machte. Immer wieder schälte er, der vor allem das Mittelalter und die frühe Neuzeit liebte – sein Band der „Geschichte der deutschen Kunst“ ist so streitbar wie brillant – die Eigen- und Widerständigkeit der Kunst heraus,  entdeckte etwa die lange als unterdrückt angesehenen Hofkünstler als moderne Kämpfer gegen die Zwänge des mittelalterlichen Zunftwesens neu, analysierte Bilderstürme als nicht etwa wild ausbrechende Anarchie, sondern als Mittel der Machtokkupation von Eliten.

Martin Warnke war auch ein politischer Forscher

Immer ging es ihm, der 1937 in  Brasilien als Kind eines Pfarrers von deutschen Auswanderern geboren wurde, um die Bedeutung der Formen, der sozialen und wirtschaftlichen Interessen, die sich der Kunst als Konkurrenzmittel bedienten, um die Politik. Warne war ein politischer Forscher, spätestens, seitdem er 1964 für die Stuttgarter Zeitung über den Auschwitz-Prozess berichtet hatte. Aber das, was heute als normaler Ansatz gilt, um die Wirkung der Kunst zu erforschen und zu erklären, sorgte dabei noch 1970 auf dem Deutschen Kunsthistorikertag für einen Eklat, als Warnke sich dem Vorwurf aussetzte, Marxist zu sein. Eher trotzdem erhielt er 1971 in Marburg eine Professur für Kunstgeschichte, wechselte 1979 an die Hamburger Universität, begründete mit Horst Bredekamp, Klaus Herding und Franz-Joachim Verspohl deren Ruf, eine damals noch als „links“ betrachtete neue deutsche Kunstgeschichtsforschung zu vertreten. 2003 emeritiert, lebte Warnke schon lange zurückgezogen, hinterließ aber eine derart reiche Schülerzahl, dass sein Einfluss noch lange in der Wissenschaft abzulesen sein wird.