Ich liebe seine Bücher. Aber es sind die Bücher auch von Heike Flemming, Zsuzsanna Gahse, Térezia Mora, von Hans-Henning Paetzke und Hans Skirecki. Das sind die Namen einiger seiner Übersetzer, ohne die ich – ich kann nicht ein einziges Wort Ungarisch – fast nichts wüsste von Péter Esterházy und seiner Kunst.

Es gibt Autoren, die sind nicht kaputt zu machen. Noch durch die schlechteste Übersetzung ist die Geschichte, ihre Größe und ihre Zartheit zu sehen. Vielleicht ist das auch bei Péter Esterházy so. Aber wir kamen nicht in die Verlegenheit, es erproben zu müssen. Er ist ein schwieriger Autor, also bekam er gute, ja sehr gute Übersetzer.

Er ist schwierig, weil er ein Spieler, weil er ein Akrobat ist. Ich muss jetzt endlich aus der Gegenwart in die Vergangenheit gehen. Er ist tot, und es wird keine neuen Bücher von ihm geben. Vielleicht liegt noch etwas in den Schubladen oder in den Tiefen seiner Computer, aber es werden dann hinterlassene Werke sein.

Versteckspiele

Schwierig also, sagte ich. Kleine Kinder lieben es, im Bett mit den Eltern zu sein. Dann rufen sie „Wo bin ich?“ und verstecken sich unter der Decke. Die Eltern müssen dann verzweifelt nach dem Kind rufen. Mal brüllend laut, mal flüsternd. Plötzlich wirft das Kind die Decke weg und ruft „Hier bin ich!“. So ein Kind war Péter Esterházy. Er liebte das alte Spiel von Verstecken und Offenbaren. Er fand Geschichten, bettete sie ein, in andere gefundene Geschichten, die eingepackt waren in wahre Begebenheiten und geflunkerten Klatsch. Ge- und Erfundenes verschmolz er zu etwas, das rauschen konnte wie ein Wald. Und wie bei diesem war das Rauschen nur der Grundton, über dem sich die unterschiedlichsten Töne und Klänge erhoben, mal ganze Sinfonien, mal nur eine einsame, kleine Stimme, mitten im Untergang von Mitteleuropa.

Als in den 1980er-Jahren wieder einmal darüber diskutiert wurde, dass Gesellschaften der Eliten bedürften, dass sich die nicht von selbst bildeten, sondern kräftige Förderung erfahren sollten, da dachte ich an die Geschichte des europäischen Hochadels. Immerhin ein Eliteförderungsprogramm, das mehr als eintausend Jahre Zeit hatte, seine Effizienz zu erweisen. Auffällig war natürlich, wie wenig hochkarätige Intelligenz diese massive Unterstützungsarbeit produziert hatte. Und wie viel Europa dem Bürgertum, dem schlecht bezahlten, mühsam sich durchkämpfenden unteren Bürgertum zu verdanken hatte. Péter Esterházy aber war ein leuchtendes Gegenbeispiel. Seine „Hilfsverben des Herzens“ hatten 1985 auch bei denen eingeschlagen, die – wie ich – seine früheren Bücher nicht kannten. Eine der großen aristokratischen Familien Europas meldete sich mit Péter Esterházy wieder zu Wort.

Der Spätsozialismus seiner ungarischen Heimat hatte mit ihm nicht – wie mit György Konrád – einen Propagandisten des alten Mitteleuropa, sondern eine Reinkarnation hervorgebracht. Es gab eine Zeit, wenn er da auf einem Podium saß, konnte der Zuschauer ihm erst einmal nicht zuhören, weil er sich unklar war, ob der Mann da oben mit seiner Perücke nicht einem Barockgemälde entsprungen war. Es war keine Perücke, aber das Gesicht unter dem nicht zu bändigenden Haarschopf sah so lausbübisch jung aus – das musste das Wolfgangerl aus Milos Formans Film „Amadeus“ sein.

Schwierig zu übersetzen, schwierig zu verstehen, aber eine Lust zu lesen. Wer jede Anspielung verstehen, jedes herbeigeschleppte Textfragment, jeden Zipfel Wirklichkeit in jedem Satz genau unterscheiden können möchte zwischen der fröhlichen und tieftraurigen Zutat der künstlerischen Fantasie, der ist verloren. Der hat auch verloren. Er hat sich nämlich den Spaß nehmen lassen an der Souveränität, mit der sich da ein zusammengestauchtes Ich erhebt und wie Chaplins „Großer Diktator“ mit der Weltkugel spielt. Ein Diktator freilich, der weiß, dass, ganz gleich, wie viel Wirklichkeit er hineinpumpt in die Fiktion, die Ballons nur fliegen, wenn sie frei sind.

Wege ins Freie

Die Diktatur des Erzählers, das kann man bei Péter Esterházy lernen, besteht darin, den Wirklichkeiten Wege ins Freie zu ebnen. Die Dinge mögen so sein, wie sie sind. Aber sie müssen so nicht sein. Sie hätten sich auch ganz anders entwickeln können – und das können sie immer wieder. Im Guten und im Schlechten.

Péter Esterházys Buch über seine Familie „Harmonia Celestis“ war ein fast eintausend Seiten umfassender Roman, eine Partitur für einhundert Orchester und eintausend Stimmen. Aber dann stellte sich heraus, dass Esterházys Vater als Informant für den kommunistischen Geheimdienst gearbeitet hatte, und die gigantische Komposition musste umgeschrieben, neu justiert werden. Péter Esterházy machte auch das mit Ironie, Liebe und Bravour. Er wusste, jeder von uns ist viele. Er liebte das an uns. Er war ein Freund der entfesselten Polyphonie, und seine Kunst bestand darin, jeden seine Weisen singen zu lassen und als Arrangeur, als James Last des großen europäischen Romans dafür zu sorgen, dass jeder Einzelne und das Ganze hörbar blieb. Am 14. Juli starb Péter Esterházy im Alter von 66 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs.