In einer bekannten Bildgeschichte erzählt der Zeichner und Romancier Walter Moers, Erfinder des Kleinen Arschlochs, von einem symbolträchtigen Abend bei sich zu Hause: Auf einen deutschen Weinbrand besuchen ihn Adolf, die Nazi-Sau, Michael Jackson und Prince. „Pränz!“ begrüßt Hitler ihn ganz selbstverständlich und macht damit jenseits aller Geschmacksfragen und mit deprimierendem historisch-nationalem Beigeschmack klar, in welcher Kategorie man sich bei dem Künstler bewegt.

Prince ist eine der Ikonen des vergangenen  Jahrhunderts, auch wenn seine Zeit streng genommen nur ein Jahrzehnt umfasst – das er sich gewissermaßen noch mit Madonna und Michael Jackson teilt. Wo sich Madonna die Achtzigerjahre über den theoretischen Diskurs eroberte und Jackson über die Absolutheit seines Pops, da besetzte Prince die sumpfigen, schlüpfrigen Zwischenräume, immer etwas zwielichtig, gern kontrovers, allesfressend und schillernd.

Es ging meist um Sex

Als Sohn eines Jazzmusikers und einer Jazzsängerin lernte Prince früh Klavier und Gitarre. Schon in der High School spielte er in Bands, die den Crossoversound der frühen Siebziger imitierten, den P-Funk Funkadelics, den psychedelischen Soul Sly Stones, den souligen Bluesrock Jimi Hendrix’, dessen speziellen Voodoo-Glamour Prince sich sowohl gitarristisch wie modisch als Vorbild nahm. Daher wundert es nicht weiter, dass man sich früh – und lange vor seinem Durchbruch – auch in Undergroundkreisen auf ihn einigen konnte, die mit dem slicken, emphatischen Popbegriff der Achtziger nicht viel anfangen konnten. Ich erinnere mich daran, wie im Risiko, der berühmten Berliner Post-Punk-Bar, in der Blixa Bargeld Anfang der Achtziger arbeitete,  zwischen finstersten Countrynummern und grimmigsten Elektrotracks unter allgemeinem Jubel immer Prince’ „Annie Christian“ lief.

Das war eine Art ernsthaft böses Update von „Sympathy for the Devil“, worin es um eine blasphemische, rassistische, mörderische Popfigur ging, bis zu deren Kreuzigung man sein Leben lieber auf der Flucht in Taxis verbrachte. Der funky und rock-elektronisch verzwirbelte Song stammt  von „Controversy“, das 1981 immerhin schon Prince’ viertes Album war – ohne dass man darauf das spätere Globalgenie wirklich geahnt hätte. Es ging wie auf den Alben zuvor meist um Sex, wobei man in der Behandlung des Themas durchaus eine amtliche Strecke von seinem Wunderkindfrühwerk „For You“, das er 1978, mit 19, eingespielt hatte, bis zum Drittling „Dirty Mind“ messen konnte, worauf er erstmals ganz unerschrocken seine schmutzigen Fantasien erläuterte. Damals, 1980, schrieb Robert Christgau, damaliger Großmeister der US-Popkritik: „Mick Jagger sollte seinen Penis zusammenfalten und heimgehen.“ Doch schon damals verhandelte Prince seine Dirtyness auch musikalisch mit entschlossener crossovernder Rock- und Funklust.

Alle Zutaten waren schon da, der überkandidelte Funk, die gniedlige Gitarre, der Soul, die schlickigen Drums. Und auch das Aufreißer-Ego, das von „Head“ wie in Fellatio, von „Jack-U-Off“ wie in Masturbation, von „Soft and Wet“, wie in, je nun, weich und feucht, oder kurzum von „Sexuality“ sang und sich dabei als schwüler Romantiker in Violett oder mit Strapsen im Regenmantel zeigte und sich in seinem Narzissmus sichtlich nicht festlegen wollte. Prince spielte mit dem Stereotyp schwarzer Hypersexualisierung, in dem er seinen aggressiven Superhengst mit tuntigen Outfits, affektierten Bewegungen und effeminierter Stimme gab –und zugleich nie eindeutig klarmachte, an wen er seine Verführung genau richtete.

Richtig auf ging die Mischung erst mit „1999“. Es markiert die erste Top-Ten-Platzierung für ein Album und war der Auftakt für einige ebenso erfolgreiche wie künstlerisch ausnehmende Alben – am erfolgreichsten „Purple Rain“, mit seiner pompösen Erotik und den schick schwülstigen Balladen, am besten „Sign O’ the Times“, sein vielschichtigstes, ambitioniertestes Album – und eins der großen Popmeisterwerke der Ära. In einer seltsamen Art logischen Quantensprungs hatte er seine Mischung aus laszivem Funk, quiekigem Rock und erhebendem Pop zu einer ganz eigenen, noch im mittelsten Werk erkennbaren Song geformt. Die Erotik gestaltete er dabei nicht unbedingt weniger deutlich, aber subtiler und raffinierter, und er erkannte – darin Madonna nicht ganz unähnlich – dass seine künstlerische Größe sich nicht über Musik allein ausdrücken ließe. Sowohl der bunte „Purple Rain“ als auch der schwarz-weiße „Under the Cherry Moon“ mögen in der Filmgeschichte eher als Fußnoten erscheinen. Aber im Gegensatz zu den filmischen Ambitionen seiner Mit-Ikonin Madonna repräsentieren sie durchaus würdig das überbordende ästhetische Konzept, die einnehmende (und weil nachvollziehbar auch sympathische) Selbstverliebtheit sowie den romantischen Größenwahn ihres Schöpfers.

Neun Alben und Jahrzehntnummern wie „When Doves Cry“ „Pop Life“, „Kiss“, „Diamonds and Pearls“ warf er in einer prächtigen Geste künstlerischer Verschwendung von 1982 bis 1994 in die Top Ten, als Ein-Mann-Kompositionsfabrik und Studiomonomane, der wenn’s drauf ankam, alle Instrumente selbst spielte und die kunstvoll geschichteten Arrangements selbst produzierte. Wie ein Zusammenbruch wirkte es, als er – einer der wohlhabendsten und unabhängigsten Künstler im Pop dieser Tage – Mitte der Neunziger mit seinem Majorvertrag haderte, sich „Sklave“ auf die Stirn schrieb und erstmal alles und zumal seinen Künstlernamen hinschmiss, um sich TAFKAP, „The Artist formerly Known As Prince“ zu nennen. Als solcher begann er, über wirre Vertriebskanäle den zunehmend überforderten Markt mit Hunderten von jazzigen, princigen und nebenläufigen Songs, mit Covers und Instrumentalnummern auf zahllosen, teils  Triple- und Quadruple-Alben förmlich zu überschwemmen. Und die Hausfrauen seiner Heimat Minneapolis begrüßte der ehemalige Sexmolch um die Jahrtausendwende als Zeuge Jehovas mit dem Wachturm in der Hand.

Abenteuerliche und mutige Treffsicherheit

Erst nach einer knappen erratischen Dekade kehrte er zurück, zunächst als Albumkünstler, dann als Prince, schließlich wieder beim Plattenlabel, das er der Sklaverei bezichtigt hatte. Nicht, dass es eine Rolle spielte: Prince durfte seine Millionen Alben ja zu Zeiten verkaufen, als man mit Alben noch reich werden konnte. Seine jüngeren Alben fand man gerne mal als Beilage für eine britische Sonntagszeitung oder als Dreingabe für Konzerttickets. Und seine Konzerte seit dem Comeback als Prince liefen auch nicht schlecht: 2004 listete ihn der Rolling Stone als den meistverdienenden Popstar der Welt.

Richtig gut waren die Alben seiner zweiten Karriere, von „Musicology“ über „3121“ bis „HItnRUN Phase One“ aus dem letzten Jahr nicht mehr. Aber wie sollten sie auch bestehen vor seinen Songs aus den Achtzigern, vor dem wunderbaren Popinstinkt, vor der verwirrenden, abenteuerlichen und mutigen Treffsicherheit. Den Jüngeren, bis in die dunklen, geschlechtsverwirrten Höhlen des derzeitigen Elektrosoul, hat er die Blaupausen geliefert. Den Älteren die Jugend vergoldet. Und bestimmt hätten wir ohne ihn sogar schlechteren Sex.

Prince starb mit 57 Jahren am Donnerstagmorgen auf seinem Anwesen Paisley Park in Minneapolis. Die Todesursache war zunächst unbekannt. Er war vor wenigen Tagen wegen einer schweren Grippe im Krankenhaus.