Für einen Heranwachsenden war es Anfang der 70er-Jahre ein Schock und eine Offenbarung zugleich, als über den subversiven Zweitausendeins Verlag der Band „Fornicon“ von Tomi Ungerer vertrieben wurden. Er enthielt drastische sexualisierte Darstellungen, auf die Spitze getriebene Fantasien über Sexspielzeuge und Befriedigungsmaschinen.

Französicher Zeichner im amerikanischen Untergrund

Das war verbotenes Zeug, das erkannten wir Jugendlichen sofort, aber es blieb uns dabei auch nicht verborgen, dass die zeichnerische Umsetzung eine spielerische Distanzierung enthielt. Tomi Ungerer bediente die sexuelle Gier weniger als dass er sich über sie lustig machte.

Er begab sich damit in die Tradition des amerikanischen Underground-Comics eines Robert Crumb /"Fritz The Cat"), und als Pennäler stießen wir durch diese frühe Begegnung mit dem zeichnerischen Werk Ungerers auf die im Grunde recht einfache Unterscheidung von Pornografie und Kunst. Was immer Tomi Ungerer später als Zeichner, Illustrator und Künstler in Angriff nahm: sein Blick auf die Welt und die bisweilen obsessive Auseinandersetzung der Menschen mit ihr war bereits getränkt in die Tinktur eines ironischen Gegengifts.

Tomi Ungerer verband Freundschaft zu Philip Roth und Tom Wolfe

Dabei war es für Ungerer keineswegs nur lustig. Als „Fornicon“ 1969 erschien, wurde der Band in Großbritannien verboten, und in den USA, wo Ungerer lebte, eckte er in einer weitgehend prüden Gesellschaft an, wohl auch, weil man sich von ihm, zu Recht, karikiert fühlte.

Tomi Ungerer war 1931 in Straßbourg als Sohn einer Schweizer Uhrmacherfamilie geboren worden und wuchs nach dem Tod seines Vaters wohlbehütet unter der Obhut seiner Mutter im elsässischen Colmar auf. Mit nur 60 Dollar in der Hand brach er 1956 in die USA auf, musste aber schon bald nach seiner Ankunft wegen einer Rippenfellentzündung stationär notbehandelt werden.

Er schlug sich durch nach New York, und aufgrund seiner sprachlichen Vielseitigkeit und seiner auffälligen zeichnerischen Talente kam er bald in Kontakt mit der künstlerischen Boheme. Ungerer zeichnete Filmplakate für Stanley Kubrick und Otto Preminger, und zu seinen frühen Freunden zählten sie Schriftsteller Philip Roth, Tom Wolfe und Saul Bellow.

Nicht nur Zeichner: Ungerer war auch Buchautor

Als Ungerer die USA zunächst in Richtung Kanada Anfang der 70er-Jahre verließ, hatte er längst damit begonnen, sich als Zeichner von Kinderbüchern einen Namen zu machen, in denen er seine stilistische Direktheit jedoch beibehielt. Sein Buch „Kein Kuss für Mutter“ erhielt in den USA den Preis für das schlimmste Kinderbuch des Jahres, weil darin die Figur Toby mit seinem Freund Zigarre raucht und beim Frühstück mit seinen Eltern eine Flasche Schnaps auf dem Tisch steht.

Tomi Ungerer verstand sich eben nicht nur als liberalerer Aufklärer, er war letztlich auch ein radikaler Vertreter eines karikierenden Realismus. Tomi Ungerer hat weit über 40.000 Zeichnungen zu Papier gebracht, über 140 Bücher veröffentlicht und seine Werke sind in weit über 100 Ausstellungen in aller Welt gezeigt worden. Am Sonnabend ist er im irischen Cork im Alter von 87 Jahren gestorben.