Am Anfang stand ein Karriere-Wechsel. In den späten Sechziger Jahren ließ Wesley Earl „Wes“ Craven seine akademische Tätigkeit als Professor für Sozial- und Humanwissenschaften hinter sich und wurde Filmemacher. Unter Pseudonym drehte er einige Pornos, bevor er 1972 mit „The Last House on the Left“ sein offizielles Regie-Debüt ablieferte. Der grobe Exploitation-Schocker sorgte für Aufsehen, die sehr explizite Darstellung von (sexueller) Gewalt führte an einigen Orten zu drastischen Kürzungen oder auch Verboten. Kokett spielten Craven und seine Mitstreiter damals mit dem Schrecken ihrer Produktion, ihre Werbezeile „Um Ohnmachtsanfälle zu vermeiden, sagen Sie sich immer wieder ,Es ist nur ein Film!’“ wurde oft kopiert und ihr Reißer bald ein Kult-Film, wie auch Wes Cravens nächste Regie-Arbeit, „The Hills have Eyes“ (1977).

Als die wilden Siebziger Jahre vorbei waren, wurde es für Leute wie Craven oder gleichgesinnte Filmemacher wie George A. Romero oder Tobe Hooper zunächst schwer. Das amerikanische Kino änderte sich rasch, die Studios setzten auf mehrheitsfähige Blockbuster. Auch Wes Craven versuchte sich an einem kommerziellen Projekt, doch die Comic-Verfilmung „Swamp Thing“ (1982) wurde ein fieser Flop. Nur mühevoll konnte Craven seinen nächsten Horrorfilm produzieren. Die Geschichte basierte vage auf persönlichen Erinnerungen aber auch Medien-Berichten über nach Amerika geflohene Kambodschaner, die aus Furcht vor ihren Träumen nicht mehr schlafen wollten. Vielleicht wäre der Film Cravens Schluss-Runde gewesen, doch „A Nightmare on Elm Street“ (1984) wurde ein gewaltiger Erfolg. Die Geschichte des düsteren Freddy Kruegers (Robert Englund), der Teenagern in ihren Träumen mit verbranntem Gesicht und Rasierklingen-Handschuh im rot-schwarz geringelten Pulli auflauert und sie tötet, traf einen Nerv beim Publikum. Es war sicher nicht verkehrt, mit attraktive junge Darstellern (darunter Johnny Depp in seinem Kino-Debüt) zu arbeiten, doch es sind die Schlüssel-Motive und -Ideen Cravens, die den Film auszeichnen.

Denn bei allen Schock-Effekten steckt in Cravens besten Filmen viel Hintersinn: Es geht da oft um die Grenzen der Wahrnehmung, aber auch um die Rücksichtslosigkeit vermeintlich guter Bürger und der geschniegelte Vorort ist bei Craven oft ein Ort des Grauens. Neben vielen kleinen Filmen, unterschätzten Werken wie der Voodoo-Geschichte „Die Schlange im Regenbogen“ (1988) und Genre-Spielereien wie „The People under the Stairs“ (1991,) gelang Wes Craven auch in den 1990er-Jahren noch einmal ein ganz großer Wurf. Zu gleichen Teilen Hommage wie ironische Dekonstruktion der Slasher-Filme der Siebziger- und Achtzigerjahre wurde „Scream“ (1996) ein oft kopierter Hit und bald Teil der Popkultur.

Wes Craven war ein Meister des Schreckens, das merkt man spätestens bei den überflüssigen Remakes seiner Arbeiten durch andere Regisseure: Den Neufassungen von „The Hills have Eyes“ (2006) oder „Nightmare on Elm Street“ (2010) fehlen Doppelbödigkeit und Inspiration − bessere Effekte und deutlichere Darstellungen allein reichen nicht. Craven wiederum war immer wieder für Überraschungen gut: Sein zugegebenermaßen kitschiges Schul-Drama „Music oft he Heart“ (1999) brachte Meryl Streep eine Oscar-Nominierung, „Red Eye“ (2005) wurde ein beachtlicher Thriller, beim Omnibus-Projekt „Paris, je t’aime“ (2006) war Craven auch beteiligt.

Nach allen Berichten war er, wie so viele Horror-Filmer, ein ausgesprochen umgänglicher und aufmerksamer Mensch; in seiner Freizeit widmete er sich der Vogelkunde. Am Ende stand die Krankheit: Am Sonntag starb Wes Craven 76-jährig an einem Hirn-Tumor.