Berlin - Es war  1972, als die Tante den zehnjährigen Neffen ins Kino einlud. Ein "ganz talentierter, junger Schauspieler" sollte dort zu sehen sein. Die Tante war Kommunistin, hatte zehn Jahre unter Hitler im Konzentrationslager gesessen.

Was Humor und Unterhaltung betraf, besaß sie recht strenge Ansichten. Doch der junge Mann auf der Leinwand traf offenbar genau ihren Nerv. Wie den von Millionen Menschen in der DDR.

Hochgewachsen, schlagfertig, irgendwie doch zart

Der Film "Die gestohlene Schlacht" war sicher nicht Manfred Krugs bester Film. Und dennoch sieht man hier das ganze Spektrum seiner Talente. Die Geschichte ist simpel: Der Meisterdieb Käsebier soll sich im Auftrag Friedrich II. in die belagerte Stadt Prag schleichen, um die Stadttore zu öffnen. Dafür will der König ihm die Freiheit schenken. Sagt er zumindest. Aber eigentlich will er ihn hinrichten lassen. Als Käsebier davon erfährt, trickst er seinerseits den König aus.

Der 1,90 Meter große, baumstarke Kerl tut das mit List und derb-frechem Humor, schlagfertig, stets einen witzigen Spruch auf den Lippen. Autoritäten scheren ihn nicht. Zugleich hat er sehr zarte Momente und singt  mit sanfter Stimme sein Meisterdieb-Lied, das mit der Zeile endet: "Hoch steh'n die Sterne, nimm sie dir!"

Erfolg ohne Plan

Hoch zu den Sternen wollte Manfred Krug eigentlich nie. "Alles, was ich, wenn überhaupt, geworden bin, das bin ich ohne Plan geworden", sagte er 2010, als es in seinem Leben ruhiger geworden war. Mit verblüffender Offenheit erzählte er, woher er seinen widersprüchlichen Charakter habe.

Krug wurde am 8. Februar 1937 in Duisburg geboren, als Sohn des Eisenhütten-Ingenieurs Rudolf Krug - eines Frauenhelden, der aussah wie Rudolph Valentino und sogar während der Geburt seines Sohnes mit einer anderen Frau schlief. Sein Vater ermunterte ihn, sich stets zu wehren: "Was du hast, das hast du, verteidige es gegen jeden." Über seine schöne Mutter, eine Sekretärin, sagte Krug: "Sobald sie den Mund zum Singen öffnet, liebe ich sie." Das Musikalische, das Feinfühlige und Zärtliche habe er von ihr.

"Jederzeit möchte ich was ausfressen können"

Krug spürte früh seinen inneren Widerspruch - zwischen der Sehnsucht, zu gefallen, bewundert, geliebt zu werden, und dem Drang, "ein einzelner Mensch zu sein", sich keinem unterzuordnen. "Jederzeit möchte ich was ausfressen können", sagt er. Als sein Vater 1949 mit der Familie aus dem Ruhrgebiet in die gerade gegründete DDR zog, um dort das Stahlwerk Brandenburg zu leiten, war also bereits abzusehen, dass es irgendwann krachen würde zwischen Manfred Krug und einem System, das gerade auch von Künstlern ein vorbildliches Leben und Bekenntnisse verlangte. Dennoch wäre ohne die DDR aus dem jungen Stahlwerker, der in der Abendschule sein Abitur machte, wohl kaum ein so herausragender Star geworden.

Rechtsanwalt und Kommissar

Viele Menschen, die heute um ihn trauern, wissen das nicht mehr. In der Erinnerung bleibt er den meisten vor allem als Rechtsanwalt Robert Liebling aus der TV-Serie "Liebling Kreuzberg" oder als Tatort-Kommissar Paul Stoever, den er von 1984 bis 2001 mehr als vierzig Mal verkörperte. Aus dem derb-frech Erfrischenden der ersten Jahre war längst etwas polterig Brummiges geworden. Als Kommissar hatte Krug sogar noch die eine oder andere Gesangseinlage. Doch die Zeiten, in denen er sein Talent voll ausspielen konnte, waren lange vorbei.

Jazz- und Swing-Konzerte vor kleinem Publikum

Er selbst trauerte ihnen immer wieder nach. "Ganz viele Westdeutsche wissen heute noch nicht, dass ich singe", sagte er zum Beispiel noch 2013. Das habe sich einfach nicht in die Hirne gebrannt. Seine Jazz- und Swing-Konzerte wurden im Westen nur von wenigen Menschen besucht. Auch seine Platten waren eher erfolglos, ganz anders als in der DDR, wo er als Sänger und Schauspieler gleichermaßen beliebt war.

Seinen großen Aufstieg hatte er in den 60er- und 70er-Jahren. Er war offenbar zur rechten Zeit am rechten Ort. Ein so selbstbewusster, talentierter Typ aus der Arbeiterklasse kam den DDR-Oberen gerade recht. Er passte gut in das Bild vom Proletariat, das die Macht hatte. "Wir brauchen viele Krüge", soll Erich Honecker gesagt haben.