Man muss Peter Handke dankbar sein. Ohne ihn hätte Ernst Augustin zwar deutlich mehr Bücher verkauft und verdienten Ruhm erworben, doch vielleicht wäre unsere zeitgenössische deutsche Literatur noch durchschnittlicher, als sie ohnehin schon ist. Jenen Augustin, den seine Fans lieben: einen Meister der scharfsinnigen Träumerei und charmanten Absonderung, hätte es ohne Handke womöglich in eine andere Richtung verschlagen. In den Literaturbetrieb.

Princeton, New Jersey, April 1966. Ernst Augustin liest aus seinem noch unfertigen Roman „Mamma“. Die Mitglieder der Gruppe 47, auch anwesende Journalisten sind begeistert. „Damals glaubte man ja noch, dass jeder, der von der Gruppe 47 gefeiert wird, sofort der nächste Literaturstar wird“, erzählte Augustin viele Jahre später. „Man hat mich richtiggehend hofiert. Aber nur bis 12 Uhr mittags. Am Nachmittag kam Peter Handkes großer Auftritt, seine Kritikerbeschimpfung, seine wütende Rede gegen die Gruppe 47. Damit war ich völlig abgemeldet. Ich existierte nicht mehr. Handke war nun der große Mann.“

An der Schwelle zwischen Imagination und Selbstverlust

„Mamma“ wird erst 1970 erscheinen, den Rummel und die Marktplätze hat Augustin seitdem gemieden. Und auch seine Romanfiguren, Einzelgänger allesamt, sind stets auf der Flucht: vor der Realität und den Festschreibungen der Existenz. In Augustins letztem großen Roman „Robinsons blaues Haus“ (2012) richtet sich der Held sogar in Abstellkammern, Kellern und Schächten wohnlich ein; weil ein authentisches Leben nur noch in Zwischenräumen möglich zu sein scheint, weil alle anderen Orte vermessen und besetzt sind.

Geboren wurde Ernst Augustin 1927 in Hirschberg (Jelenia Góra) im Riesengebirge, aufgewachsen ist er in Schwerin. Nach dem Medizinstudium in Rostock und Ost-Berlin heiratete er die Malerin Inge Kalanke – sie hat auch die traumhaften Buchcover der Werkausgabe illustriert – und wurde Psychiater in der Nervenklinik der Charité. Dem „elementaren Zeichnen bei Schizophrenen“ hatte er bereits seine Promotion gewidmet. In vielen seiner Romane bewegen sich die Protagonisten an der Schwelle zwischen Imagination und Selbstverlust, zwischen Fantasie und Wahn. Aus seiner therapeutischen Arbeit wusste Augustin: Es gibt unzählige Wirklichkeiten und ebenso viele Wahrheiten. Eine treffende Beschreibung auch für sein literarisches Programm.

Ein täuschend echter Abschiedsbrief aus dem Westen

1958 floh Augustin aus der DDR. Aus dem Westen schrieb er der zurückgebliebenen Gattin im Abschiedsbrief, er habe eine andere Frau kennengelernt und wolle ein neues Leben beginnen. Dieser Brief war so glaubwürdig verfasst, dass seine Frau, die eingeweiht war, beim Lesen heulen musste. Die Staatssicherheit aber ließ Inge Augustin wie beabsichtigt in Ruhe, sodass sie ihrem Mann bald folgen konnte.

Der allerdings war da schon in Afghanistan, wo er für eine amerikanische Firma als Arzt tätig war, in der Hauptsache aber Einheimische behandelte. Reisen nach Indien und Pakistan führten zu einer intensiven Beschäftigung mit orientalischer Kultur, ein Ertrag daraus ist der Roman „Mahmud der Schlächter“ (1992), aus dem später „Mahmud der Bastard“ (2003) wurde. Nach der Rückkehr arbeitete Augustin in einer Münchner Nervenklinik und war bis zur Pensionierung als psychiatrischer Gutachter tätig.

„Raumlicht: Der Fall Evelyne B.“ (1976) ist ein Unikum der deutschen Literatur. Der Roman erzählt die abenteuerliche Biografie eines Psychiaters, die in manchem der des Autors ähnelt. Zugleich wird auf einer zweiten Ebene die unorthodoxe Therapie einer schizophrenen Patientin in Echtzeit vorgeführt. Ein Husarenstück, erzählerisch wie medizinisch, das manche Ärztekollegen fassungslos zurückgelassen haben dürfte. Augustin hatte in Afghanistan und Indien gelernt, dass die Begriffe „gesund“ und „krank“ nicht nur Ausdruck medizinischer Kriterien sind, sondern auch auf weltanschaulichen Prämissen beruhen.

Den „Kranken“ solle man nicht nur mit medizinischem Wissen und okzidentalem Verstand, sondern unbedingt auch mit Würde und Gefühl begegnen. Dies überträgt der Psychiater auf die literarischen Texte: Seine Prosa ist adressiert an die Ratio und an die Seele. Mit dem Roman „Eastend“ (1982) liefert der Autor dann eine böse Satire und Kritik der im Westen angesagten Gruppentherapien.

Wer Augustin nicht gelesen hat, ahnt nicht, was er verpasst

Was Augustins Bücher zusätzlich auszeichnet, ist eine Kluft zwischen Stil und Inhalt, in deren Lücke der Leser jenen Freiraum findet, der Platz lässt für die eigene Einbildungskraft. Schwerwiegende Themen wie Schizophrenie, Einsamkeit oder Tod verhandelt der Autor in einer federleichten Sprache und mit den komischsten Bildern. Humor, Rätsel, Widersprüche, Übertreibungen und Überraschungen sind zentrale Elemente dieser Poetologie. Wer Augustin nicht gelesen hat, ahnt nicht einmal im Ansatz, was er verpasst. „Meine Fantasie ist zu allem fähig“, hat der im Alter erblindete Schriftsteller gesagt – was keine Übertreibung ist.

Die erzählerische Ausdehnung der Zeit, wie man sie von James Joyce kennt, hat Augustin in seinem Abenteuerroman „Der amerikanische Traum“ (1989) auf die Spitze getrieben. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wird ein kleiner Junge in Mecklenburg auf seinem Fahrrad von einem amerikanischen Flugbomber getroffen. In den letzten Sekunden vor dem Tod erfindet sich der Junge, gespeist aus Lektüre und Sehnsucht, ein ganzes Leben – als Privatdetektiv in Amerika jagt er seine Mörder.

Das ungewöhnliche Haus in München

Von den Klassikern hat Augustin die großen, dunkeln Solitäre geliebt, Gogol, Melville, Poe, dazu Jean Paul und E.T.A. Hoffmann. Man kann Augustin als einen Romantiker sehen, wobei seine Protagonisten immer einen Schuss betrügerischen Größenwahns in sich tragen, der an Karl May erinnert. Schon in seinem großartigen Debüt „Der Kopf“ (1962) und dem folgenden Roman „Das Badehaus“ (1963) zeigte sich eine übersprudelnde erzählerische Kraft. Die Apokalypse des Zweiten Weltkriegs spukte zwar noch durch Gehirn und Herz, doch die Wirklichkeit offenbarte sich bereits als etwas Relatives und Mehrdeutiges. Bei Augustin ist es wie in den amerikanischen Comicstrips: Wenn jemand stirbt, ist er noch lange nicht tot. Immer dann, wenn die Protagonisten scheitern, gibt es alternative Lebensläufe und neue Existenzen. Das ist nicht nur abenteuerlich, sondern auch tröstend.

Sein ungewöhnliches Haus in München, voller Pflanzen und Brunnen, aber auch mit einer Disco im Keller, einem venezianischen Schlafzimmer und zahllosen Kunstwerken, soll ein wahres Paradies gewesen sein. Den idealen Ort hat er mit Verweis auf seinen Robinson-Roman wie folgt beschrieben: „Man geht vorne in Grevesmühlen rein und schaut hinten auf die Südsee.“ Hoffen wir, dass es dem wunderbaren Ernst Augustin, der am 3.11.2019 in München gestorben ist, im Jenseits ähnlich ergeht.