Aus dem Flugzeugfenster geschaute Nachtlandschaften in der Galeriehalle
Foto: Galerie Neugerriemschneider/A. Eriksson/VG Bildkunst Bonn 2020


Berlin-Västergötland. Nur ein paar vage Licht-und Farbmomente trennen die Nacht von der Morgendämmerung. Mitten in der Ausstellungshalle der Galerie stehe ich vor diesen dunklen, aber mit feinen, geheimnisvollen, irgendwie vielversprechenden Reflexen überzogenen Bildern. Die Acrylfarbe strömt einen intensiven Geruch aus. Das Massive, Dichte auf den Bildern trifft auf etwas fast Schwereloses. Dramatisch und minimalistisch gleichermaßen.

Es ist die Strindberg-Stimmung

Es ist, als hätte jemand die Zeit angehalten. Zuerst denke ich: Typisch nordisch. Skandinavisch eben – die herb-schöne, mystische, schwermütige Welt von Strindberg, Ibsen, Nexö, Munch und Grieg. Melancholisch wegen des kostbaren raren Tageslichts in der Winterhälfte, einsam wegen der Ferne zum menschenprallen und geschäftigen Binnen-Kontinent Europa und der Nähe zur rauen unwirtlichen Arktis, zur Natur, die den Menschen nicht braucht. Schon gar nicht, wenn er sie zerstört, wie es unser Klimaverhalten gerade dramatisch anzeigt. Dann entdecke ich, dass all diese Bilder Fensterblicke sind, Atelierfensterblicke und vor allem Flugzeugfensterblicke – auf eine Landschaft, deren Topographie im Ungefähren bleibt.

Andreas Erikson, 45, aus Västergötland, mit Atelier am Vänersee,   wo er auch seine   gefragten Gelb-braun-beigen Landschaft-Bildteppiche webt, malte tatsächlich, was er nachts von oben sah. In dieser selbstgewählten Abgeschiedenheit und Stille am größten See Schwedens arbeitet Eriksson, an Cézannes folgenreichen Ausspruch anknüpfend, nicht vor der Natur, sondern parallel zur Natur.

Bis zur Morgendämmerung

Und er sah aus dem Flugzeug bei Nacht, aber an der Schwelle zum Morgengrauen, abstrakt aber mit der Ahnung, was da wirklich ist und er in seinen dunklen Gemälden vage andeutet: Berg, Tal, Fluss, Fels, Gletscher, Feld, Wiese, Wald, Wasser. Und natürlich unsichtbar, aber ahnbar, Menschen und Tiere, Alltagsleben, Liebe, Leid, Arbeit, Sorgen, Freude.

Eriksson, der in Ausstellungen in Deutschland schon mehrfach Anlass zu begeisterter Rezeption gab, der wegen seiner geradezu mystischen wie aus einem Fantasyfilm entstammenden Landschaften im Nordic Pavilion der Biennale Venedig 2011 gefeiert wurde, legt nun in der Berliner Galerie Neugerriemschneider die neueste Mal-Serie vor. Angelegt als Nachtreise, als eine subtile Vorstellung von Landschaften, von Vertrautem und Rätselhaftem, und auch von Isolation. Er nennt sie Nite Flights, so hieß schon 1978 das letzte Studioalbum der amerikanischen Popgruppe The Walker Brothers.

Andreas Eriksson: "Window", 2019, Monotypie
Foto: Galerie Neugerriemschneider/A. Eriksson/VG Bildkunst Bonn 2020

Umgekehrte Perspektive

Die nur ahnbaren Formen der von oben gesehenen Natur, die fast schon konzeptionell angelegten Fensterkreuze und dahinter das matte Leuchten von Lichtern und Strukturen, die von Regen, Sturm, aber auch von Ästen und Zweigen stammen könnten, markieren einen sehr eigenen menschlichen Blick. Eben nicht von außen auf die Welt, sondern eher so, als stehe man davor in umgekehrter Perspektive. Eriksson versucht, so will es seine Ausstellung ihrem Publikum nahebringen, vertrautes Terrain in einer nahezu globalisierten, vernetzten Welt neu zu ordnen, zu befragen. Das ganze Welttheater, die Dramen, Komödien, Farcen, die guten wie die schlechten Ereignisse spielen sich in abstrakter Bilderzählung hinterm Flugzeugfenster oder dem Atelierfenster ab.

Das intensive Beobachten der Natur zu allen Tages- und Jahreszeiten sind zentrale Momente seines Werkes. Eriksson sagt dazu: „Meine Arbeit beruht immer auf dem Ausloten meiner Reaktionen auf meine Wahrnehmung und Erfahrung der ,äußeren‘ Welt, im Besonderen meiner Gefühle und Emotionen gegenüber der Natur wie auch meiner Projektionen in diese“. Sein selbstreflexiver Ansatz bedeutet auch Distanznahme zur naturromantischen Tradition des 19. Jahrhunderts in der nordischen Landschaftsmalerei. Nicht zuletzt haben diese geheimnisvollen Bilder etwas Pastorales, Feierliches, ja Religiöses. Sie binden uns Betrachter in ihre Tektonik ein, nicht als Erweiterung der Realität, eher als deren Gegenentwurf: Eriksson malt eine warme, dunkle Welt, die fremd bleibt, auch wenn es so scheint, sie gleiche der unseren.

Der Künstler: Andreas Eriksson wurde 1975 in Björsäter, Västergötland, Schweden, geboren. Er malt, inspiriert von der Natur und beschäftigt sich auch mit Skulptur, Fotografie und Weberei.

Die Ausstellung: „Nite Flights“, Galerie Neugerriemschneider, Linienstr. 155 (Mitte) Bis 4. April, Di–Sa 11–18 Uhr Tel.: 2887 7277

Internet: www.neugerriemschneider.com