Am Abend bevor sich in einer bayerischen Hochsicherheitsenklave die Mächtigen mit Mächtigen verständigen, stehen in der Schaubühne Niedergerissene in einem schmalen, schmutzigen Bühnenschlauch. Es sind Menschen, die von der neoliberalen Ordnungspolitik als Kollateralschaden geführt werden. Menschen, die stets nach oben schauen, weil sie weiter nach unten nicht rutschen können. Draußen herrscht elendsproduzierende Politik; drinnen stemmt das Theater Elendsbilder auf eine Breitwand-Bühne, die den Elendigen eine ausweglose Abfallkammer zuweist: einen schmalen Schacht. Eine Müllrutsche, auf der die Figuren aus einem leeren Himmel geworfen werden. Von oben kommt hier, nach unten wird geworfen, was niemand braucht: Giftbraune Dreckbrühe in Rinnsalen, blutverschmierte Figuren in Abrisskleidern.

Und wenn sie sprechen, ist es immer ein Rufen, oft Gebell, noch öfter Schmerzensgeschrei. Jeder Satz klingt wie auf Protestplakate geschrieben. „Was ist das hier für ein Land?“, brüllt Ingo Hülsmann und diktiert den Mundwinkeln herbe Bitterkeit. „Wir brauchen kein Mitleid“, behauptet David Ruland und stemmt den Kopf gegen die Wand. „Wir müssen was tun!“, bebt Eva Meckbach und klingt dabei, als lasse sich längst nichts mehr machen. Tilman Strauß verkündet derweil in zittrigem Trotzton, „der Mensch kann alles, wenn er nur will“, was in diesem Spiel nur wie hohler Spott auf das Credo eines Spätkapitalismus klingen kann, der Selbstoptimierung zur ersten aller Bürgerpflichten erhebt. „Ich komme hier raus“, hofft Peter Moltzen in Lederjacke und Fellmütze. Es glaubt ihm keiner. Er selber glaubt es auch nicht.

Deutlicher, unmissverständlicher ist Anklage kaum denkbar: Das Theater als Weltgerichtshof. Es spricht das Todesurteil über eine Gesellschaft, die solches Leid schafft. Ein Abgesang. Eine Niedergangsoper. Und niemand wird künftig behaupten können, von diesen unheilstiftenden Verhältnissen nichts gewusst zu haben. Das ist der aufrührerische Anspruch, dem die Bühne damit gerecht werden will: Dem Zuschauer unabweisbare Bilder ins Bewusstsein stanzen, auf dass daraus folgenreiche Einsichten wachsen. Aber welche? Und zu welchem Ende?

Menschenausstellung

Es wird also „Nachtasyl“ von Maxim Gorki gespielt, das 1902 uraufgeführte, radikal realistische Drama um das Nicht-Leben einer Schar Mittel- und Aussichtsloser, die sich in einer Notunterkunft raufen, streiten, lieben, bespucken und einander umbringen, nach einer Fassung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens. Vor neun Jahren hat Gosch sie selbst unter dem Titel „Unten“ am Hamburger Schauspielhaus inszeniert. Das war ein bestechend scharfer Abend damals, an dem Gosch aus dem Text eine tragische Daseinskomödie herauskitzelte, ohne in die Fallen eines Sozialvoyeurismus oder Sozialrealismus zu tappen. Man sah Gescheiterte und durfte, musste in ihrem Scheitern sich selbst sehen, weil das Theater seinen Figuren mitdenkend und mitfühlend zur Seite stand, statt auf sie zu blicken.

Jetzt dagegen an der Schaubühne in der Regie von Michael Thalheimer: Eine schartige Menschenausstellung auf der Bühne von Olaf Altmann, die nur Menschen des gleichen Verzweiflungsschlags kennt. Das ist, so will uns dieser anderthalbstündige Abend glauben machen, den verschärften, krisendichten Verhältnissen geschuldet. Sie rufen zur Tat, schreien nach Konsequenz: Wir müssen was tun. Thalheimer erweist sich hier als Aktivist im Mantel des Als-ob. Er malt die real existierenden Existenznöte in derart dicken Farben, dass Gorkis Figuren der vielen verschiedenen Unglücksgeschichten in die Ununterscheidbarkeit kippen. Armut macht alle gleich. Not tilgt alle Differenzen. Eindruck macht dieser Abend damit in jedem Fall. Wirklichkeitsmangel wird man ihm nicht vorwerfen können.

Aber es ist ein Realismus ohne jede Barmherzigkeit. Er bleibt durch sein virtuoses Elendsspiel seltsam steril, unbeteiligt. Nein, man muss nicht Hartz IV beziehen, um das Elend eines Hartz-IV-Beziehers spielen oder als Zuschauer nachempfinden zu können, natürlich nicht. Aber das schiere Ausstellen oder Konsumieren von Schreckensbildern und Elendszuständen ist weder Gesellschaftskritik noch Arbeit an der Suche nach Auswegen. Es ist Schulterklopferei, die den Verhältnissen für ihre Schlechtigkeit dankt, weil man damit so herrlich gegen sie wettern kann.

Man weiß danach allerdings lediglich, was längst zum unbestrittenen, allseits abgenickten Gemeinplatz unter den Mächtigen wie Machtbetroffenen gleichermaßen geworden ist: Wir müssen was tun, was auch immer, wie auch immer. Diese Inszenierung tut damit so, als wäre jede Alternative zum Vorherrschenden besser als dieses selbst. Sie ist gleichmacherisch auch in politischer Hinsicht: Nichts macht einen gesellschaftlichen Unterschied. Das aber ist die Botschaft der Stammtische.

Nachtasyl, 8., 9.,10.6.2015, Schaubühne am Lehniner Platz, Kartentelefon: 890023