Die Büste der Nofretete im Neuen Museum in Berlin. 
Foto: Reiner Jensen/dpa

BerlinAn der zu knappen Zeit soll es nun wahrlich nicht mehr liegen, einen Museumsbesuch hinauszuschieben. Es lohnt sich, sich in den von vielen Museen digital angebotenen Rundgängen durch ihre Ausstellungen umzusehen. Und seine Liebsten zu Hause an die gewaschene Hand zu nehmen und vielleicht gemeinsam auf Tour zu gehen. Ich jedenfalls könnte mich, sobald ich einmal den virtuellen Fuß in eines dieser Museen gesetzt habe, im Sog der Bilder und Meisterwerke, der Räume und Filme, die sich da auftun und zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Erkundung warten, jedesmal regelrecht verlieren. Weg also vom Überdruss aus TV-Lagerfeuer, Netflix-Serien und #staythefuckathome. 

Mittlerweile sind 1200 Museen repräsentiert

Zu einem Einstieg mit Auswahlmöglichkeiten rund um den Globus ist die Plattform Google Arts & Culture (www.googleartproject.com) hervorragend geeignet. Sie ist eine wahre Fundgrube an Kunstwerken aller Epochen der Kunstgeschichte, nach Künstlern, Medien, Themen, Orten, historischen Ereignissen und Persönlichkeiten sortiert. Das ehrgeizige Projekt hat sich nicht weniger vorgenommen, als unser ganzes Weltkulturerbe zu digitalisieren. Die Web-Anwendung des US-Softwareunternehmens ist in Partnerschaft mit Museen aus der ganzen Welt entstanden. Ab 2011 wurde das Programm zunächst intern getestet und dann immer weiter ausgebaut. Mittlerweile präsentiert es an die 1200 Museen und Zigtausende von Kunstwerken in Gigapixel-Auflösung, aufgenommen mit dem Fotoroboter Gigapan ist es zudem mit dem hauseigenen Dienst Street View quasi im dynamischen 3D-Modus durchwanderbar.

Zum virtuellen Rundgang steht uns also die Museumswelt offen. Mit der Qual der Wahl: Soll es nach Beijing, Schanghai, nach Dubai oder doch lieber nach St. Petersburg, Paris oder London gehen? Nein, Asien und Europa lassen wir erst einmal hinter uns, steuern stattdessen direkt New York an und umgehen das von Präsident Trump verhängte Einreiseverbot. Wir fliegen in die Stadt, die wie keine andere für zeitgenössische Avantgarde steht. New York ist der international bedeutendste Standort für den Kunstmarkt. Dort residiert auch das ranghöchste Gegenwarts-Museum, das Museum of Modern Art (www.moma.org), zu dem auch das experimentellere MoMA PS1 gehört. Konsequent stellt das Museum die jüngeren Epochen der Kunstgeschichte als Entwicklungsgeschichte dar: Auf den Impressionismus folgte die Moderne, daraus entwickelten sich Fauvismus, Surrealismus und Abstraktion. Formeln wie Abstrakter Expressionismus oder Minimalart verlängerten diese Geschichte weit in die Nachkriegszeit.

Von Öl auf Leinwand bis zum Negativ und Pixel

Das Museum feiert aber auch Anachronismus, Diversität und das Ende des Kunstkanons. 1929 gegründet hat es eine der schönsten Sammlungen überhaupt. Sie reicht von Monet und Kandinsky bis zu Duchamp, Cindy Sherman und Martin Kippenberger. Von Öl auf Leinwand bis zum Negativ und Pixel. Und weil Künstler weiterarbeiten, geht hier auch die Geschichte der Kunst beständig weiter und die Bildergalerien werden immer voller. Auf der Website des Museums, das als Gebäude zurzeit ebenfalls geschlossen ist, kann man in Videos den Minimalart-Künstler Donald Judd besuchen oder der US-Fotografin Dorothea Lange in die kargen 1930er-Jahre folgen.

Auf der Seite von Google Arts & Culture findet sich der Eingang in das MoMA unter dem Reiter „Sammlungen“. Dort gelangt man direkt in die „Sternennacht“ von Vincent van Gogh und kann sich hineinzoomen in die in wilden Pinselstrichen auf die Leinwand gesetzten Farbkontraste, in das 1889 gemalte Meisterwerk mit seinen wirbelnden Sonnen und Monden, die wie vibrierende Spiegeleier über einer dunkel-mondlichtblauen Landschaft kreisen. Entlang der Timeline lässt sich mit „MoMA through Time“ per Mausklick in die Vergangenheit springen. Man erfährt, dass das MoMA 1979 einen Oscar gewann.

Der schönen Nofretete porentief ins Auge schauen

Sehenswert ist die Onlineausstellung über die Avantgarde-Künstlerin Sophie Täuber-Arp und die Dada-Bewegung in Zürich. Ihre Marionettenfiguren, Köpfe und surrealen Bilder könnten zum Nachbasteln inspirieren. Wer sich an der Englischlastigkeit des Portals stören sollte, kann getrost sein: Google bietet direkt seinen Übersetzungsdienst mit an, die Menüführung ist mit dem Kürzel „.de“ ohnehin auf Deutsch. Vor der Abreise aus New York sei noch ein Schwenk zum Guggenheim-Museum empfohlen. Danach könnte es virtuell auf die Berliner Museumsinsel gehen, denn auch die lässt sich hier ungehindert durchstreifen und der schönen Nofretete porentief ins Auge schauen.

So sind uns die vielen Meisterwerke tatsächlich nah und Amuse-Gueules für die Zeit morgen, nach der Quarantäne – für den Museumsbesuch im analogen Raum, der hoffentlich bald wieder offensteht.