Sehnsuchtsland Mecklenburg-Vorpommern
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BerlinGerade rief meine Patentante an. Sie fragte, ob ich sie nächste Woche über die Grenze nach Mecklenburg-Vorpommern schmuggeln kann. Meine Patentante hat dort ein Ferienhaus, das sie seit ein paar Wochen nicht mehr betreten darf, weil Mecklenburg wegen Corona seine Grenzen zum restlichen Deutschland geschlossen hat.

Man muss das verstehen, die Mecklenburger leben aufgrund ihrer spektakulär geringen Bevölkerungsdichte quasi seit zweitausend Jahren in Quarantäne. Schon in normalen Zeiten halten sie einen Mindestabstand von zehn Kilometern, und eine Großveranstaltung beginnt, wenn mehr als sieben Leute zusammenkommen.

Zwei ganze Sätze in einer Woche

Logischerweise werden die Mecklenburger gerade ein bisschen unruhig bei dem Gedanken, dass zu Ostern Tausende verseuchte Berliner zu ihnen kommen könnten. Dass ein Mecklenburger unruhig wird, merkt man übrigens daran, dass er plötzlich bis zu zwei ganze Sätze pro Woche spricht, was dort oben als panisches Geschnatter gilt.

Jedenfalls gibt es jetzt Polizeikontrollen an allen Bahnhöfen und Zufahrtsstraßen. Wird ein Berliner erwischt, muss er nicht sofort erschossen werden, manche kommen mit einer Ordnungsstrafe davon. Nach dem, was man so hört, scheinen es die Mecklenburger im Rahmen ihrer emotionalen Möglichkeiten zu genießen, den arroganten Zweitwohnsitz-Fuzzis aus der Hauptstadt mal so richtig den Marsch zu blasen. Wobei ich auch das verstehen kann. Wer mal erlebt hat, wie so eine Akademiker-Familie aus Berlin-Schöneberg im Retro-Volvo die Landstraße entlangschleicht, an jedem Rapsfeld anhält, um Fotos zu machen, und die gebeugte Bauersfrau am Straßenstand fragt, warum ihre Kartoffeln denn nicht bio sind, der weiß, dass Hass zuweilen ein berechtigtes Gefühl sein kann.

Aber zurück zu meiner Patentante, die ich schon seit Wochen davon zu überzeugen versuche, dass sie mit ihren 76 Jahren zur Corona-Risikogruppe gehört und deshalb besser in der Weite ihres mecklenburgischen Gartens aufgehoben wäre als in der engen Stadt. „Ach was, Risikogruppe, da habe ich schon ganz andere Sachen erlebt“, sagte meine Patentante aber immer nur störrisch und verabredete sich mit ihren ebenso todesverachtenden Freundinnen zum Kaffeetrinken. Und wenn ich sie vor der Gefahr warne, sagt sie: „Mein Junge, das Leben war schon immer lebensgefährlich.“ Es scheint so, als wollte sie um jeden Preis vermeiden, als besonders schützenswert betrachtet zu werden.

Kontrolliert wird nur bis 20 Uhr 

Jetzt allerdings, zu Ostern, will meine Patentante unbedingt in ihren Garten, und sie findet es einigermaßen lächerlich, dass man sie daran hindern will, nur weil es gerade diese blöde Seuche gibt. Sie hat sich erkundigt, sie sagt, die Polizei kontrolliere die Straßen nur bis 20 Uhr, danach könnte man durchfahren. Allerdings seien Autos mit Berliner Kennzeichen auch schon mit Steinen beworfen worden, weshalb sie neben mir noch einen zweiten Menschenschlepper angeheuert hat.

Der Plan ist, dass ich meine Patentante mit dem Auto bis zu einem Waldstück nahe der Landesgrenze bringe, wo sie in das Auto eines Bekannten umsteigt, das mit mecklenburgischen Nummernschildern versehen ist. „Die Sache ist todsicher, da kann gar nichts passieren“, sagte meine Patentante kichernd, und ich fühlte mich wie in einem schlechten Agentenfilm. Angenommen, vor einem Monat hätte mir jemand erzählt, ich würde eines Nachts versuchen, mit zwei Fluchtfahrzeugen eine 76 Jahre alte Frau nach Mecklenburg-Vorpommern zu schleusen, vermutlich hätte ich denjenigen für verrückt gehalten.

Aber so ist das in Krisenzeiten, total verrückte Dinge werden auf einmal ganz normal. Und ganz normale Dinge werden auf einmal total verrückt. Falls Sie, geehrte Leser, einen Ihrer Lieben zu Ostern über die mecklenburgische Grenze schmuggeln wollen, schreiben Sie mir. Das Codewort lautet: Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritz. In diesem Sinne: Frohe Ostern!