Eine deutsche Expedition hatte sich aufgemacht, Afrika von der westafrikanischen Loango-Küste bis zum indischen Ozean zu durchqueren. Sie scheiterte. Das Kommandosystem brach zusammen. Nicht an der gegen die Gewalt sich organisierenden Gegengewalt, sondern an Tropenkrankheiten, an den einheimischen Trägern, die ihren Herren davonliefen. Einen einzigen, freilich weltweit bewunderten, Erfolg hatte das Unternehmen: Master Pongo. Ein junger Gorilla. Die Expedition hatte ihn nicht selbst gefunden. Er war ihr geschenkt worden. Von einem Patienten des Expeditionsarztes. Der verliebte sich in den kleinen Kerl und kümmerte sich um ihn. Es war bis dahin noch nie geglückt, einen lebenden Gorilla nach Europa zu bringen. Kein Wunder, dass die Mythenproduktion um den Waldmenschen blühte. 1859 hatte zum Beispiel der französische Bildhauer Emmanuel Frémiet eine einen riesigen Skandal auslösende Figurengruppe geschaffen, deren Nachwirkungen weit in das 20. Jahrhundert reichen: Ein Gorilla entführt eine weiße Frau. Das King-Kong-Motiv. 1859 war auch das Jahr, in dem Charles Darwin „Über die Entstehung der Arten“ veröffentlichte. Ein Buch, in dem der Gorilla nicht vorkommt, das aber seine Nähe zu unserer eigenen Spezies evolutionsgeschichtlich plausibel macht.

Am 30. Juni 1876 kam der achtzig Zentimeter große M’Pungu oder Pongo nach Berlin. Am 13. November 1877 starb er dort. Mustaf Haikal erzählt von den Schwierigkeiten, die die Pfleger im „Aquarium Unter den Linden“ mit ihm hatten. Auch von dem Vergnügen und von dem riesigen Interesse des Publikums. Er erzählt von der Reise nach London, wo die britische Kolonialmacht neidisch war auf den Gorilla. Es ging dabei nicht nur um die Wissenschaft. Die Ökonomie spielte auch eine Rolle. Für einen normalen Schimpansen wurden damals 1200 Mark geboten. Das war das Jahresgehalt eines Maurers. Hagenbeck bot für Pongo 20 000 Mark. Pongo war ein ökonomischer Erfolg. Nach seinem Tod sinken die Besucherzahlen des Aquariums drastisch und Investoren ziehen sich zurück. Ganz am Ende seiner Erzählung von Pongo steht Mustafa Haikal vor einem grauen Stahlschrank in einem der zahllosen Räume des riesigen Museums für Naturkunde in Berlin. „ganz rechts, im untersten Fach des Schranks, sah ich dann das Skelett von M‘Pungu. Es war winzig und kaum größer als die Kartons, die mit Knochen gefüllt neben ihm lagen. Wie durch das plötzliche Licht erstarrt, hockte der beinerne Gorilla in seiner Ecke und wog leicht in der Hand, als ich ihn schließlich herausnahm.“ Es wäre schön, das Museum für Naturkunde richtete dem kleinen M’Pungu knapp 150 Jahre nach seiner Ankunft – mit Hilfe der von Mustafa Haikal zusammen getragenen Materialien – einen Raum ein, in dem den Besuchern seine Geschichte erzählt würde. Ein Zimmer für ihn allein. Die Lebensgeschichte des ersten Berliner Gorilla.

Mustafa Haikal: Master Pongo – Ein Gorilla erobert Europa, :Transit Verlag, Berlin 2013, 128 Seiten, zahlreiche s/w Abbildungen, 16,80 Euro.