Das Foto könnte eine schöne Urlaubserinnerung sein. Ferien in der Schwäbischen Alb.
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BerlinGewisse Gefahren sind von Reiserückkehrern ja schon immer ausgegangen. Und zwar ganz unabhängig davon, ob sie von der Süd-, der Ost oder dem Uckersee nach Hause zurückkehrten. Ich sage nur: Urlaubsfotos. Zwar versammelt man sich heutzutage bei zurückgekehrten Freunden oder Verwandten nicht mehr feierlich mit dem Käseigel neben dem Diaprojektor. Aber das iPad ist umso schneller bei der Hand und der Speicherplatz potentiell unendlich. Die beiläufig gesprochenen Worte „Ich habe zwar noch nicht aussortiert, kann euch aber schnell mal ein paar Bilder zeigen“, haben schon manche Runde vorzeitig beendet. Zumal ein paar Eindrücke eigentlich immer auch schon im Chat oder auf Instagram gepostet wurden.

So groß das Bedürfnis der Rückkehrer ist, die Eindrücke zuhause zu teilen, so kurz ist die Aufmerksamkeitsspanne der anderen, wenn es um Bildordner mit dem Namen „Bretagne 2020“ oder „Sommer in Usedom“ geht. Das mag natürlich daran liegen, dass Menschen mit Sonnenbrillen und in Trekkingsandalen vor Gemäuer, Gebirge oder Gewässer immer gleich aussehen. Bei der inzwischen zehnten Staffel von Modern Family stört einen das Immergleiche allerdings nicht. Und auch, dass das Internet von jedem Quadratzentimeter dieser Welt bereits hochauflösende Profiansichten bereithält, begründet die geradezu natürliche Scheu, sich den optischen Belegen für die schönste Zeit des Jahres im Leben des Nächsten zu ergeben, nicht wirklich.

Ich denke vielmehr, dass es an der Melancholie liegt, die Urlaubsbildern immer entströmt und die einem schon beim Durchblättern der eigenen Ausbeute genug zu schaffen macht. Denn ganz abgesehen davon, dass die Fotos belegen, dass der Urlaub wieder einmal vorbei ist, steht die Sehnsucht des Menschen auf diesen Bildern vor aller Augen nackt im Wind. Die Nachbarin mit großem Sonnenhut und trägerlosem Top vor Dünengras, der Kollege mit Sonnenbrand auf der Nase, das Cocktailglas hebend ...

Jeder kennt aus eigener Erfahrung den Wunsch, den buchstäblichen Augenblick festzuhalten und mit dem, was sich vor einem ausbreitet, sei es das Glitzern der Wellen oder eine malerische Gasse, auch die Gefühle einzufangen, die dies in einem freisetzt. Die Verwegenheit, es sich mitten am Tag irgendwo gutgehen zu lassen, die Freude, dass einem die Welt offensteht, die Hoffnung, mit der Tapete auch Gewohnheiten zu wechseln, die Gier nach Rausch und Liebe oder umgekehrt nach Einkehr und Verschmelzen mit der Natur.

Zeige mir, was du fotografierst und ich sage dir, was du begehrst – nicht jedes Miteinander hält soviel Einsicht in des anderen Herz aus. Alkohol mag der Geselligkeit etwas helfen, aber am Ende wird das gemeinsame Betrachten der Fotos statt der geplanten Verlängerung doch meist zum endgültigen Abschluss des Urlaubs geraten sein. Denn das andere Ich, das im Laufe der Ferien in einem gekeimt ist, das subversive Ich, das nach der Rückkehr den Job wechseln, Fremdsprachen oder Kung-Fu lernen wollte – es verdorrt in diesem Moment. Die Ungerührtheit des fremden Blickes spiegelt dem Zurückgekehrten die Vergeblichkeit, all das ins Heimische zu transportieren und dort zu erhalten. Und dann wandert nach den 14 Tagen, die der Urlaubs-Hangover meist dauert, die Weinkaraffe aus Keramik bald in den Schrank, das Fußkettchen wird wieder abgenommen – die Quarantäne des Veränderungsimpulses war erfolgreich, und der Alltag beginnt.