BerlinFast hätten wir gedacht (und gehofft), dass das neue Bilderbuch von Nadia Budde vielleicht an Aktualität einbüßen könnte. Wo es sich doch so unerschrocken mit den fantastischen Erscheinungen und seelischen Verwirrungen in der Quarantäne beschäftigt... Die Berliner Grafikerin und Kinderbuchautorin („Eins, zwei, drei, Tier“) hatte es bereits im Frühjahr beim ersten Lockdown vorgelegt, es kam in den Sommerferien heraus, als die erste Corona-Welle überstanden schien. 

„Eine Woche drin“ heißt das Werk, das, wie so oft bei Budde, aus einer Sammlung besteht. Diesmal sind es alle Sorten von Stubenhockern, von denen man teilweise noch nie etwas gehört hat, aber die einem schon in ihrer Bezeichnung durch die Wort- und Reimakrobatin sofort vor Augen stehen und bekannt vorkommen, teilweise als innere Abspaltungen der eigenen Persönlichkeit: Zimmerzauser, Budenstoffel, Teppichschelch, Häuschentuffel oder Vorhangbeißer. Der kleine Zuhörer (so ab zwei, drei Jahren) beginnt sofort, diese Vokabeln nachzusprechen, in seinen Wortschatz der Welterkenntnis aufzunehmen – oder für die passende Gelegenheit auch in das Schimpfwortarsenal einzusortieren.

Aber natürlich führt Nadia Budde die Parade auch bildnerisch aus. Es gibt Lockenberge, Stachelwuchs, Bartscheitel, Zipfel-, Schlapp- und Spitzohren, Pyjamaknopfnasen, Spitz-, Rund- und Nadelzahnreihen, Klunker-, Kugel- und Nietenketten, Rot-, Blau- und Grünaugen. Bei allen charakteristischen Ausformungen fällt eine Gemeinsamkeit auf: Diese Wesen zeichnen sich nicht nur durch den typischen Nadia-Budde-Blick aus Schwarzpunktpupillen aus, sondern vor allem durch blendende Laune.

Waren es nicht genau diese Muffel- und Nörgeltypen, die einem sonst immer die Stimmung verhageln? Möglich. Jetzt aber, in Zeiten des erzwungenen Drinnenbleibens, ist ihre Stunde gekommen. Jeweils mindestens vier von ihnen sind auf der linken Seite porträtiert. Rechts haben sie sich in Einrichtungsgegenstände, Speisen oder Zimmerpflanzen verwandelt – also mehr oder weniger totes Zeug, das einen anstarrt.

Wer kennt das nicht: Wenn man nur lange genug auf den Pizzakarton schaut, fängt er zu grinsen an. Oder der Kaktus beginnt, einem zuzuwinken. Oder im Geschirrschrank hört man, wie sich die Tassen durchzählen. Was ist schon tot, wenn man erst einmal vom Budenkoller geschüttelt wird? Auch für diesen finden sich in dem Werk ein paar konkretisierende Synonyme: Hochhausrappel, Nestmarotte, Goldfischtick. Sie fassen die strapazierte Seelenlage von unfreiwilligen Stubenhockern in Worte, machen sie auf diese Weise beherrschbar und lassen sich vielleicht auch für eine abzweigende Nebengeschichte ausbeuten. Man sollte auf keinen Fall zu schnell umblättern.

Nadia Budde: Eine Woche drin. Pappbilderbuch. Sachsendruck, Plauen 2020. 13 Euro wahlweise mit Stubenhocker-Maske Größe S: 20 Euro, bestellbar hier oder im Buchhandel