Barcelona - Nadia Ghulam wohnt in Barcelona, wir skypen an einem Abend im April. Auf dem Bildschirm erscheint eine junge Frau mit dunklen Locken, etwa kinnlang. Unwillkürlich prüft man das Gesicht dieser Frau. War es möglich, dass es als das eines Jungen, eines jungen Mannes durchging? Wenn man sie sich mit kurzen Haaren Haare vorstellt, weiß man sofort, dass es funktionieren konnte. Ihre Züge sind herb, die Augenbrauen buschig, die Haut voller Narben. Die Verletzungen und Verbrennungen rührten von einer Bombe her, die auf ihr Haus in Kabul, Afghanistan, fiel. Das war 1993, Nadia Ghulam war acht damals.

Drei Jahre später herrschten die Taliban in Kabul. Frauen durften nicht arbeiten, nicht ohne Burka das Haus verlassen. „Meine Mutter und ich haben dann beschlossen, dass ich mich als Junge verkleide und arbeite“, sagt sie. Denn ihr Bruder war tot, ihr Vater verrückt geworden. Jemand aber musste Geld verdienen für die Familie, zu der noch zwei jüngere Schwestern gehören. Nadia Ghulam setzte sich einen Turban auf den verbrannten Kopf und nannte sich Zelmai. So hatte der Bruder geheißen. Niemand außerhalb der Familie habe von der Verwandlung gewusst.

Nadia Ghulam hat nie die amerikanische Philosophin Judith Butler gelesen, die das Geschlecht als soziales und kulturelles Konstrukt beschreibt. Die sagt, dass die Rolle, die wir spielen, entscheidend ist für unser Geschlecht. Nadia Ghulam hat am eigenen Leib erfahren, was das bedeutet. Dass man sich anders bewegt als Mann, dass man eine andere Mimik hat, dass man anderen Männern in die Augen sieht und wie all dies einen verändert. Sie lacht.

„Das Leben war für mich sehr schwer“

Wer diese Verwandlung sehen wolle, müsse ins Theater kommen. Beim F.I.N.D.-Festival in der Schaubühne wird sie als sie selbst auftreten. „Dann wird es jeder verstehen“, sagt sie. Der Regisseur habe eigentlich eine Schauspielerin ihre Rolle spielen lassen wollen, aber Nadia Ghulam wollte es unbedingt selbst machen. „Warum soll eine andere mich verkörpern, ich bin doch am Leben“, sagt sie. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ihr Triumph.

Nadia Ghulam erzählt, dass sie als junger Mann viele verschiedene Arbeiten verrichtet hat. „Ich habe auf Baustellen gearbeitet, auf dem Feld, ich habe Brunnen gegraben.“ Später hat sie eine kleine Fahrradwerkstatt aufgemacht. Stark sei sie geworden. Sie reckt ihren Oberarm, so als wolle sie ihre Muskeln zeigen und lächelt. Aber sie habe auch immer Angst gehabt, dass jemand ihr Geheimnis entdecken würde. „Das war gut, so war ich vorsichtig“, sagt sie. Sie hätten nie daran gedacht, die beiden Schwestern auch als Jungen auszugeben. „Das Leben war für mich sehr schwer“, sagt Nadia Ghulam. „Es gab so viel Gewalt auf der Straße, man wusste nie, ob man abends lebend wieder nach Hause kommt.“

Aufgrund ihrer Verletzungen, der Deformationen im Gesicht kam Nadia Ghulam mit Hilfe einer spanischen NGO nach Spanien, als sie 20 war. Acht Jahre ist das her. Eine spanische Familie hat sie aufgenommen, bei ihr lebt sie noch heute. Viele Operationen hat sie seitdem über sich ergehen lassen. Aber sie studiert auch, Sozialarbeit, und arbeitet an einer Schule, wo sie Kinder mit sozialen Problemen unterstützt. Und sie hat ein Buch über ihr Leben geschrieben. Auf Deutsch ist es noch nicht erschienen, aber den Titel kann man mit „Das Geheimnis meines Turbans“ übersetzen.

In Spanien dann hat sie erfahren, dass ihr Schicksal keine Ausnahme ist, dass es in ihrem Land noch mehr Mädchen und junge Frauen gibt, die sich als Männer ausgeben, auch wenn niemand weiß, wie viele es sind. Die schwedische Journalistin Jenny Nordberg hat ein Buch über dieses Phänomen veröffentlicht, „bacha posh“ heißt es in Afghanistan, „als Junge gekleidet“. Ein Wort dafür gibt es also.

Magische Kräfte

Es ist ein Buch über eine Gesellschaft, in der Frauen Eigentum von Männern sind, erst des Vaters, dann des Ehemanns. Und diese haben die Macht, ihnen die Lebensgestaltung bis ins Detail vorzuschreiben. In Nordbergs Buch liest man von Teenagerinnen, die kaum je das Haus verlassen dürfen, damit sie sich keinen schlechten Ruf erwerben. Und man liest von ihren Brüdern, die in Wahrheit Mädchen sind. Manche sind verkleidet worden, damit sie arbeiten und Geld für die Familie verdienen können, wie Nadia Ghulam. Für Kinder aus besser gestellten Familien kann die Verkleidung aber auch bedeuten, dass sie draußen herumrennen, Drachen steigen lassen, vorlaut sein können. Das ist nicht der Grund, warum man sie verkleidet hat, auch wenn manche Eltern sich freuen über diese Freiheiten für ihre Kinder. Vor allem ist es für eine Mutter, die keinen Sohn geboren hat, eine Erleichterung, wenn sie endlich doch einen vorweisen und sich als vollwertige Frau präsentieren kann. Auch werden so hervorgebrachten Jungen magische Kräfte zugeschrieben. Es sei dann viel wahrscheinlicher, dass das nächste Kind wirklich ein Mann wird, glaubt man in Afghanistan. Nur muss der Junge vor der Pubertät in ein Mädchen zurückverwandelt werden. Das funktioniert nicht immer reibungslos, kann man bei Jenny Nordberg lesen. Manche „bacha posh“ weigern sich, ihre Freiheit aufzugeben und auch das Geschlecht, das ihnen zur Identität geworden ist.

So war es auch bei Nadia Ghulam. Sie war ein Mann, bis sie nach Spanien kam. Und sie hat erst gezögert, sich in eine Frau zurück zu verwandeln. „Aber dann habe ich gemerkt, dass Frauen hier auch Freiheit haben“, sagt sie. „Und Freiheit ist für mich das Wichtigste.“