Mit der Verfilmung des Romans „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ von  Amos Oz präsentiert die Schauspielerin  Natalie Portman ihr Regiedebüt. Der Film erzählt vom kleinen Amos, der in den 1940er-Jahren in Jerusalem aufwächst, wo die aus Europa vertriebenen Juden auf einen israelischen Staat hoffen. Von dieser rechtmäßigen Heimat träumen auch Amos’ Eltern: die fantasievolle Fania und der intellektuelle Arieh. Fania erzählt Amos die schönsten Geschichten von früher, von ihrer Familie und ihrem Zuhause in Polen, aber auch Gleichnisse.  Doch sie wird immer schwermütiger.  – Die 35-jährige Natalie Portman inszenierte den Film nicht nur, sondern schrieb auch das Drehbuch und stand als Hauptdarstellerin vor der Kamera.

Miss Portman, nach über 20 Jahren als Schauspielerin haben Sie mit „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ erstmals einen Spielfilm inszeniert. Warum haben Sie sich dafür gerade diesen autobiografischen Roman von Amos Oz ausgesucht?

Weil ich einfach besessen bin von diesem Buch. Das erste Mal habe ich es vor etwa neun Jahren gelesen und es für immer in mein Herz geschlossen. Die Art und Weise, wie Oz von Sprache erzählt, konkret von der hebräischen Sprache, ist unfassbar poetisch und enorm visuell. Gleichzeitig faszinierte mich aber auch die Mutter-Sohn-Dynamik, je mehr ich mich mit der Geschichte auseinandersetzte.
Fassten Sie  schon damals den Entschluss, bei einer Verfilmung Regie zu führen?

Ich wusste gleich, dass ich diese Geschichte als Film auf die Leinwand bringen wollte. Ich traf mich mit einigen Drehbuchautoren, aber je mehr ich mich mit dem Roman beschäftigte, desto mehr reifte die Idee, dass ich  ihn selbst adaptieren könnte. Während ich das tat, kam der Gedanke, dass dies nach meinen Kurzfilmen vielleicht die beste Gelegenheit sein könnte, meinen ersten langen Film zu inszenieren. Dass Amos Oz so großzügig war, mir die Gelegenheit dazu zu geben, macht mich sehr dankbar.

Was bedeutet Ihnen Amos Oz?

Er ist einer meiner ganz großen Helden. Schon allein weil er einer der Mitbegründer von Schalom Achschaw ist, der außerparlamentarischen Friedensbewegung in Israel. Leute wie er sind gerade in Zeiten wie diesen  wichtig. Abgesehen davon ist er als Schriftsteller natürlich einer der ganz, ganz großen. Allein „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ hat Tolstoi-Ausmaße.

Was bei einem Regiedebüt auch einigermaßen Respekteinflößen kann…

Selbstverständlich, ich hatte richtig Bammel vor dieser Aufgabe. Aber gleichzeitig gibt es natürlich kein größeres Geschenk, als aus diesem Quellenmaterial schöpfen zu können. Wann immer ich irgendwie ins Trudeln geriet, griff ich  wieder zu Amos’ Buch. Dieses Meisterwerk wies mir den richtigen Weg.

Sie haben nicht nur die Regie, sondern auch die Hauptrolle übernommen. War es schwierig, sich selbst zu inszenieren?

Ursprünglich hatte ich es gar nicht vor. Ich wollte eigentlich eine andere Schauspielerin für die Rolle finden, aber letztlich bin ich  froh, dass ich sie dann doch selbst übernommen habe. Zum einen ist es natürlich ein Vorteil, dass man als Regisseur schon mal einer Person weniger erklären muss, was man will. Zum anderen fand ich es auch hilfreich in der Arbeit mit den anderen Schauspielern. Dadurch, dass ich selbst mit ihnen vor der Kamera stand, hatte ich unmittelbaren Zugriff auf sie, um es mal so auszudrücken. Wenn ich meinen Filmsohn zum Lachen bringen wollte, musste ich ihm das nicht als Regisseurin erklären, sondern konnte es als seine Szenenpartnerin einfach direkt tun.

Die Arbeit mit den Schauspielern war beim Inszenieren sicher nicht die größte Herausforderung, oder?

Nein. Natürlich war mir dieser Aspekt der vertrauteste. Am ungewohntesten und damit schwierigsten waren  die Vorbereitungsphase und später die Postproduktion des Films. Weil das völliges Neuland war. Die Arbeit im Schneideraum zum Beispiel fand ich enorm spannend, denn da habe ich noch viel intensiver als bei den Kurzfilmen in der Praxis erlebt, wie ein Film sich verändert, indem man Kleinigkeiten anders zusammensetzt.

Sie haben mit zahlreichen der größten Regisseure unserer Zeit gearbeitet, von Terrence Malick über Michael Mann und Tim Burton bis Wes Anderson. Bei wem haben Sie sich die größte Scheibe abgeschnitten?

Da kann ich keinen einzeln hervorheben.  Natürlich habe ich mir bei vielen etwas abgeschaut. Nehmen wir zum Beispiel Darren Aronofsky. Von dem habe ich gelernt, wie wichtig es ist, dass man sich auf jeden Schauspieler anders einstellen muss.  Für die Arbeit mit Terrence Malick bin ich so dankbar, weil er mir vor Augen geführt hat, dass es beim Film keine Regel gibt, die man nicht brechen darf. Anthony Minghella hat mich  geprägt, weil er es liebte, wenn sich die Schauspieler mit immer neuen Dialogvariationen überraschten. Und Mike Nichols hatte wie kein anderer verinnerlicht, dass man  keinen Moment lang die Geschichte seiner Figur aus dem Auge verlieren darf.

Apropos Geschichte der Figur: Würden Sie  sagen, dass die von Oz beschriebene Zeit der israelischen Staatsgründung auch etwas mit Ihnen persönlich als gebürtiger Israelin zu tun hat?

Selbstverständlich ist seine Geschichte weit weg von meiner eigenen. Ich bin in einer vollkommen anderen Zeit geboren, unter sehr viel leichteren Umständen. Dennoch spüre ich einen starken Bezug dazu. So viele der beschriebenen Erfahrungen kenne ich selbst. Wie es ist, eine Mutter zu sein. Oder auch eine Immigrantin. Und andere in meinem Umfeld teilen noch sehr viel konkretere Erfahrungen mit Oz. Nicht zuletzt deswegen war es mir so wichtig, den Film auf Hebräisch und in Israel zu drehen. Mein Vater ist in Israel geboren, ich bin dort geboren. Nun hatte ich meinen kleinen Sohn dabei, als mein Film dort geboren wurde. Das war etwas Besonderes.

Interview: Patrick Heidmann

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis USA 2015. Drehbuch & Regie: Natalie Portman, Kamera: Slawomir Idziak, Darsteller: Natalie Portman, Makram Khoury u.a.; 98 Min., Farbe. FSK ab 12.