Passt zwar bestens zur Berlinale, erhebt aber keinen Anspruch, deren – politischer – Bestandteil zu sein. Harun Farocki ist überaus zufrieden mit dem deutlich musealen Kontext seiner brisanten Werk-Reihe „Ernste Spiele“, 2009–2010, im Hamburger Bahnhof.

Alle vier Teile des Video-Komplexes sind eine Schenkung des Outset-Contemporary Art Fund an die Nationalgalerie, die vor wenigen Tagen schon die Sammlung des Privatsammlers Marzona bekam. Der Ankaufs-Etat der Berliner Museen ist bekanntlich nicht eben üppig, solche Morgengaben sind also hoch willkommen. Zudem ist der filmischer Bestand des Hauses mit der Farocki-Serie enorm bereichert, zudem aktueller kaum zu bestücken. Schließlich wird man in besagten Projektionen, installiert in zwei schwärzlich ausgemalten und abgedunkelten Sälen im rechten oberen Stockwerk des Museums, hart konfrontiert mit Computerspiel-Szenen – zur Ausbildung von (blutjungen) US-Soldaten und Soldatinnen für den Krieg im Irak. Oder in Afghanistan. Und demnächst in Afrika?

Die nüchtern-absurden Video-Kriegs-Situationen – keineswegs zur Unterhaltung, sondern für die knallharte militärische Ausbildung – füllen die Berliner Schau zu Farockis kürzlichem 70. Geburtstag. Der in Neutitschein (heute Tschechien) im letzten Kriegsjahr des in der Katastrophe geendeten Tausendjährigen Reiches geborene, seit mehr als 40 Jahren in Berlin lebende dokumentarische Filmessayist ist so berühmt wie auch zu Unrecht unbekannt. Seinen Namen liest man regelmäßig in den Abspännen der Filme von Christian Petzold. Farocki wurde zweimal auf die Documenta eingeladen. Und er erweist sich nun erneut als eigensinniger Ästhet des Mediums, als hinterfragender, insistierender „Verwischer“ von Wirklichkeit und Spiel. Da rollt etwa ein Robotergefährt eine leere Straße lang. Über dem Ganzen eine romanisch untergehende glutrote Sonne, ein paar Sekunden später sind am gleichen Himmel ein Feuerball, dann die Rauchwolke einer Explosion zu sehen. Ausgelöst von der Tastatur einer Spielkonsole.

Abermals greift Farocki tief hinein in die politische und psychologische Beschaffenheit des Krieges. Der ist wohl sein Lebensthema, zusammen mit dem großen Experiment, gleichsam die Evolution der medialen Bildwelten zu verfolgen, die Möglichkeiten des Raumes für die filmischen Bilder zu erkunden. Dies als Bildraum, als skulpturalen Raum, auch als gewalttätig-verbalen Raum. Und es gibt einen sozusagen schon historischen, „bitterernsten“ Prolog zur Serie „Ernste Spiele: Farockis schwarz-weiße Dokumentationen aus seinem Film „Nicht löschbares Feuer“, 1969, eine hart geschnittene Anklage gegen die Verwendung von Napalm im Vietnamkrieg und der perfiden, heuchlerischen Rolle der längst globalisierten (Chemie)Waffen-Industrie.

Unsere kollektive Vorstellung vom Krieg wurde, anders als durch Schilderungen in Literatur oder Geschichtsbüchern, durch die moderne Technik der Kino-und Computerbilder stark verändert. Wir sehen in Farockis Arbeit junge Rekruten beim simulierten Kampftraining: Monitor, Tastatur, Kopfhörer. Eigentlich alles wie beim unterhaltsamen Computerspiel. Aber es ist eben der Ernstfall, der hier getestet wird, nämlich das Reaktionsvermögen der Soldaten auf improvisierte Angriffe, Detonationen, Geschosse. Alles bleibt clean, es fließt kein Tropfen Blut, es gibt keine hässlichen Wunden, keine Toten und Verletzten. Computerkrieg ist sauberer, perfekter Krieg – mit Überwachungskameras, Fernsteuerungen, Drohnen. Vom Kampf Mann gegen Mann hat sich die moderne Kriegsführung weit entfernt.

Und doch sind die „Feldübungen“ in der kalifornischen Mojave- Wüste wie echt. Die Video-Sequenzen „Drei tot“ spielen sich ab in einer vorderasiatischen Stadtkulisse. 300 Statisten rennen, schreien, gestikulieren herum, kostümiert als Iraker, als US-Soldaten – als Freund und Helfer. In dieser Animation wird das böse Spiel umgekehrt. Es entlarvt sich selbst – im Alltag der Soldatenausbildung und der Abgründigkeit militärischer Logik. Dann laufen Videos über schlimme Folgen. Der „gerechte“ Krieg schlägt zurück auf seine Kämpfer für die „Freiheit“: mit posttraumatischem Horror, der Kriegsheimkehrern kein normales Leben mehr lässt.

Hier schließ sich der Kreis, auch für uns, die im Westen in Frieden und Wohlstand Lebenden. Farocki zeigt den Irrsinn – die Vorbereitung des Krieges und die Folgen, die „Therapien“ danach. Erschreckend identische, zynische Bilder.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50–51. Bis 13. Juli Di,Mi,Fr 10–18/Do 10–20/ Sa+So 11–18 Uhr. Während der Ausstellung entsteht ein Projektfilm von Schülern der Gropius-Schule Neukölln.