Der Alte Fritz hatte einen Traum. Wie in so etlichen Preußenkönigen steckte auch in ihm eine tiefe Italiensehnsucht. Er kaufte um 1768 aus Rom zwei barocke Gemälde von Artemisia Genteleschi, darunter eine allegorische „Bathseba im Bade“-Szene und die „Vergewaltigung der Lukretia durch Sextus Tarquinius“ von 1630. Die über ein Jahrhundert älteren Bilder suchte Friedrich Rex für seine „Galerie der Unvernunft“ aus, die unheilvolle Folgen männlicher Begierde im mythologischen Kontext verhandelt hat.

Der Alte Fritz träumte von einer Potsdamer Piazza - nach Vorbild eines Palasts der Familie Barberini

Er wusste allerdings nicht, dass diese durchkomponierten Szenen von einer Künstlerin gemalt wurden, die das eigene Gewalterlebnis einbrachte, aber dem Objekt der Begierde auf ihrem Bild – ganz unfeministisch – etwas Verführerisches gab.

Der Preußenkönig träumte von einer Potsdamer Piazza, benannte sein 1771/72 am Alten Markt erbautes Palais Barberini nach dem auf einem Kupferstich von Piranesi gesehenen Palast der römischen Familie Barberini. Ihr entstammte der 1623 zum Papst gewählte Urban VIII., ein rigoroser Vertreter der Gegenreformation, ein inquisitorischer Pontifex, der seinen einstigen Freund Galeileo Galilei brutal zum Widerruf von dessen Lehre über die Erdbewegung um die Sonne zwang.

Zugleich war dieser Papst aus dem Hause Barberini ein großer Mäzen der Künstler, Architekten, Dichter und Musiker, sozusagen der fast allmächtige Ermöglicher des Barock römischer Prägung.

Der römische Palazzo Barberini steht noch - in Potsdam wurde er im Krieg zerstört

In diesem Zeitalter der Glaubenskriege war der Schmelztiegel Rom von Pilgern und Soldaten durchzogen. Maler aus Flandern kamen, um die Renaissance-Bildwerke von Michelangelo und Raffael in der Sixtinischen Kapelle zu studieren. Caravaggio hatte diesen späteren Papst Maffeo Barberini schon als jungen Geistlichen porträtiert. Der geniale Bernini tat selbiges um 1633. Da trug der Spross der mächtigen Adels-Familie längst Purpur. Das Konterfei hängt jetzt in einem Kabinett des Potsdamer Museums Barberini; der Maler gab dem kunstliebenden Despoten ein recht vergeistigtes Aussehen.

Der römische Palazzo Barberini steht in der Ewigen Stadt. Alt, erhaben, schön. Der Potsdamer Palast Barberini hingegen war zu Kriegsende 1945 ein Trümmerhaufen. An gleicher Stelle ließ die Hasso-Plattner-Stiftung das Ensemble bis 2016 als Museumsbau wiedererstehen, ein klein wenig nüchterner als das römische Vorbild. Und nun, im Jahr 2019, mitten in den Sommerferien, geht erneut ein italiensehnsüchtiger Wunsch in Erfüllung: Das römische Palais Barberini ist, zusammen mit der Galleria der Sammlerfamilie Corsini, heute Nationalgalerie, zu Gast mit Altmeister-Werken des italienischen Barock. Aus dem Italienischen übersetzt, bedeutet „barocco“ ursprünglich „schief, regelwidrig“, aber auch überreich.

Die Stilperiode des Barock umfasst ein Weltreich der Kunst, die die der Renaissance übertreffen wollte: Papst Urban VIII. förderte sakrale und inspirierte profane Prachtbauten. Er wurde zum Mäzen dramatischer Hell-Dunkel-Malereien und opulenter bis körperlich drastischer Bildszenen mit mythologischem bis zügellosem Personal.

Die Ausstellung in Potsdam beginnt mit einer Projektion aus dem Grand Salon der Barberini

Auch die Plastik nahm theatralische Posen und Gebärden an. Und die Freskomalerei gewann eine seitdem nie mehr erreichte Bedeutung. Decken, Kuppeln und Wände wurden mit heilsgeschichtlichen, allegorischen Inhalten überzogen. Für die Kirchenbemalung arbeiteten Geistliche ganze Programme aus. Allen voran Urban VIII. höchstselbst.

Die Potsdamer Schau beginnt mit einer gewaltigen Illusion: Im ersten Saal imaginiert eine technisch raffinierte Projektion das Deckenfresko aus dem Grand Salon des Palastes der Barberini zu Rom. Das Barock-Konzept Urban VIII. wird deutlich, zeigt des Malers Pietro da Cortonas meisterlich inszenierte Größe, den Machtanspruch der Barberini. Allegorien der Tugenden flankieren die der göttlichen Vorsehung, Papst- Tiara und der Schlüssel Petri sind präsentiert. Und immer wieder, in allen Bildvarianten, das Trio der drei großen Bienen, die Wappentiere der Barberini-Familie.

Die starken Lichteffekte und die kräftigen Farben wirken magisch, illusionierend die dynamische Bewegung der realistischen, üppigen Leiber. Der Übergang vom gebauten zum gemalten Raum und jedes Detail fügen sich zum überbordenden Fest für die Augen. Es ist eine pathetische Prachtentfaltung, die sich zu „theatrum sacrum“ steigert. Damals war die katholische Kirche Hauptauftraggeber, aber auch reiche Patrizier bestellten bei den schon namhaften wie aufstrebenden Malern und Bildhauern Kunstwerke. Da alle Künste mit einbezogen wurden, entstand in der Epoche des Barock eine eindrucksvolle Einheit von Architektur, Plastik, Malerei, Musik, Tanz, Mobiliar, Schmuck und bacchantischem Lebensstil. Rasch machte dies weit über Italiens Grenzen hinaus Schule, fruchtete in Spanien, Portugal und Frankreich, in den heutigen Niederlanden, Österreich, Süddeutschland ebenso – insbesondere am Dresdner Hofe August des Starken. Und auch – in strengerer Form – im frugalen Preußen.

Die Familie Barberini bestellte mit Vorliebe Motive aus der altgriechischen und biblischen Geschichte

Aus dem Projektionssaal zieht es einen zum nächsten Glanzlicht der Potsdamer Schau, zu Caravaggios „Narziss“ von 1597/99. Eigentlich reicht das Datum der Entstehung noch in den Manierismus zurück. Und doch gilt dieses Gemälde als Ausgangspunkt des frühen italienischen Barock. Narziss beugt sich selbstverliebt über sein Spiegelbild – bekanntlich wird ihm seine Eigenliebe als Strafe der Götter zum Verhängnis. Was für ein Drama. Aber die faszinierenden Hell-Dunkel-Effekte, die schlaglichthafte Szenerie, die Nahsicht und das packend Reale des jungen Körpers überwältigen den Augensinn.

Dramatik geht einher mit Sinnlichkeit auch in den Gemälden des aus Spanien stammenden, seinerzeit in Neapel lebenden Jusepe de Ribera. Inspiriert von Caravaggios Stil wählte Ribera für „Venus und der sterbende Adonis“ (1637) jenen Moment, in dem Göttin Aphrodite ihren mit dem Tod ringenden Geliebten erblickt. Alles wie auf einer Bühne, theatralisch und tragisch-schön.

Urban VIII., seine Familie Barberini und andere Vertreter der hohen Gesellschaft, bestellten bei den Künstlern mit Vorliebe Motive aus der biblischen, altgriechischen und altrömischen Geschichte. Giovanni Lanfranco etwa malte um 1634 für die Barberini die Allegorie der Musik: „Venus spielt Harfe“. Sinnliches Vergnügen und Harmonie werden hier bildhaft, und in Simon Vouets „Büßender Maria Magdalena“ von 1627 macht der Flame die Sünderin zu einer schmachtenden Büßerin.

Der Barock zeigt gewaltige Lebenslust

Weit weniger gefühlig fiel Il Guercinos „Heiliger Lukas“ um 1623 aus. Streng blick der Evangelist im roten Mantel, Arzt aus Syrien und Schutzheiliger der Maler, den Betrachter an. Dargestellt in Nahsicht, wirkt die detallierte Pinselführung beinahe fotografisch, dazu gibt es mythologische Verweise: Der heilige Mann ist mit seinem Symboltier, dem Stier, dargestellt.

Auf anderen Bildern wimmelt es nur so von Schutzengeln, betenden Hirten und den heiligen drei Königen. Da sind brutale Kreuzigungen wie sinnliche Liebeskämpfe mit üppigen Körper(ver)drehungen dargestellt. Fast glaubt man, das inbrünstige Gebet des Heiligen Franziskus in einer düsteren Kapelle von Assisi zu vernehmen. Ein Fischverkäufer zerlegt mit bloßen Händen den Fang. Wir sehen „Bacchus und einen Zecher“ beim Saufgelage zu, wie Bartolomeo Manfredi die Weinseligkeit um 1610 derb-drollig auf die Leinwand setzte. Barock – das ist auch gewaltige Lebenslust.